Frank Spilker, Musiker

In die Politik? Aber da sind wir ja schon längst. Ich und die anderen (politischen) Künstler. Wenn es darum geht, ein grundsätzliches Nicht-Einverstanden-sein auszudrücken, oder darum, überhaupt erst einmal etwas zu formulieren, das zunächst nur als unbestimmtes Gefühl in der Welt ist, sind immer wir gefragt. Lange bevor sich Interessengruppen zusammenfinden, um ihren Standpunkt deutlich zu machen, Lobbys sich bilden und schließlich in irgendeiner Funktion innerhalb einer politischen Partei aktiv werden, um diesen auch durchzusetzen. Wir wären so eine Art ehrenamtliches Bundespräsidentenamt, wenn wir uns nicht zu schade wären, uns vor den Karren nationaler Interessen spannen zu lassen. Die Polis braucht uns und sie weiß es. Wir können uns nicht dafür bezahlen lassen, weil das unsere Glaubwürdigkeit beschädigen würde und wir können uns nicht für eine Partei einsetzen, weil wir dann nicht mehr mit unserer eigenen Stimme sprechen würden. Aber wir säen die Saat in den Herzen oder verstärken etwas, das dort ohnehin schon wohnt.

Ingo Schulze, Schriftsteller

Politik ist nichts, was man nebenbei betreiben könnte. Im Gegenteil. Wahrscheinlich bedrängt einen als Politiker das eigene Ungenügen noch mehr, denn angemessen über die Dinge Bescheid zu wissen, über die man entscheiden soll, ist eine Herkulesaufgabe. Ich müsste die Schreiberei aufgeben. Und das will ich keinesfalls. Das Schreiben ist auch das, was ich vergleichsweise am besten kann. Zum anderen schreckte mich die Parteidisziplin. Ich halte die Parteien-Demokratie sowieso nicht für der Weisheit letzter Schluss. Aber etwas gut oder schlecht finden zu müssen, nur weil man auf dem Ticket dieser Partei reist, das will ich nicht. Und ich glaube, dass man als Gesprächspartner, als Mittler zwischen den Lagern, als "Außenstehender", der sich engagiert, aber grundsätzliche Positionen nicht preisgibt, letztlich sogar mehr bewirken kann. Aber das ist natürlich nur eine Vermutung.

Götz Werner, Unternehmer

Ich bin wohl ein besserer Zahnpasta-Verkäufer als Politiker. Die wesentliche Frage ist doch: Womit kann ich dienen? Dort, wo ich mich mit meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten am besten einbringen kann, dort liegt für mich auch das größere Entwicklungspotenzial. Überhaupt: Zuerst kommt das Dienen, erst danach das Verdienen. Wer sich am Status oder am Verdienst orientiert – oder wer sich von Blendgranaten wie einem großen Firmenwagen oder hohen Bonuszahlungen ablenken lässt –, wird langfristig in die Irre gehen. Nachhaltig ist eine Entwicklung erst dann, wenn man das Wesentliche im Auge behält.

Imke Duplitzer, Fechterin

Ich würde gerne in die Politik gehen, und plane sogar, für die Grünen für das Europaparlament zu kandidieren. Bisher bot sich mir allerdings nie die Gelegenheit, weil mein Leben durch den Sport bestimmt war. Vor allem aber macht es die gerade von Sportfunktionären hochgehaltene Vorstellung, dass Sport nicht politisch sei und nicht sein dürfe, uns Sportlern nicht einfacher, unsere Erfahrungen in die politische Willensbildung einzubringen. Oft hängt zudem die Förderung im Sport – auch die individuelle – von den politischen Verhältnissen im Land ab. Man bekommt zu hören, dass Linke, Sozialdemokraten und Grüne den Sport weniger fördern. Schon früh lernt man, als schmückendes Beiwerk der Politik zu agieren, nicht aber Politik zu gestalten.

Ich engagiere mich schon immer für Menschenrechte, soziale Integration und Werte im Sport. In der Verbandspolitik war ich damit bisher allein auf weiter Flur. Erst seit den Olympischen Spielen in Peking wird stärker danach gefragt, welche gesellschaftliche Verantwortung Sport hat. Wie geht man mit Doping und Korruption um? Ich bin froh über diese Diskussionen. Sport ist politisch! Sport darf unter dem Mantel von "Wandel durch Annäherung" nicht Werte und Ideale verraten, auf die wir uns alle im Rahmen von internationalen Vereinbarungen geeinigt haben. Ich arbeite an einem Umdenken im Sport und in der Politik, damit die Tür zu politischer Teilhabe weiter aufgeht.

Sonia Mikich, Journalistin

Zwei Mal habe ich ernsthaft nachgedacht in die Politik zu gehen, weil gute Leute mir das zutrauten und mich dazu aufforderten, Verantwortung übernehmen. Für eine sympathische, gerechte Gesellschaft sorgen – eine schöne Aufgabe, die jede Mühe lohnt, das war mein erster Reflex. Aber der Bruch mit meinen ureigenen Idealen wäre zu groß gewesen: Die Zwänge, eine Parteilinie oder Einzelentscheidung zu vertreten, die mir nicht einleuchten. Der Druck, Menschen gegenüber loyal zu sein, die mich nicht überzeugen. Polit-Sprech, verkürzte Wahrheiten, Lobbyistenschwärme und die Schneckengeschwindigkeit, mit der sich Ergebnisse einstellen. Nein, passte gar nicht.

Journalismus, wie ich ihn begreife, erlaubt es eher … Störenfried zu sein. Störenfriede haben eine eigene Agenda, sie widersprechen dem Anliegen von Regierungen und Eliten und organisierten Gruppen, die Welt in ihrem Sinne interpretieren zu lassen. Meine Leitlinie im Leben war und ist die Frage: WER will, dass ich WAS glaube und WARUM? Ich vermute, Politiker beantworten sie nur im stillen Kämmerlein ganz ehrlich. Ich glaube/hoffe, dass ich als Journalistin freier sein darf.

Markus Beckedahl, Netzaktivist

Ich würde gerne in die Politik gehen, aber einige Jahre Parteipolitik bei den Grünen haben mich motiviert, lieber außerparlamentarisch zu arbeiten. Irgendwann gab es das volle Programm, fast jeden Abend einen Termin, von Orts- bis Bundesebene, fast alle Wochenenden in einer anderen Stadt. Wenn man in einer Partei was werden will, muss man auf allen Ebenen aktiv sein und verbringt sein halbes Leben in Sitzungen. Die wenigstens davon waren spannend und intellektuell herausfordernd. Nach sieben Jahren hatte ich genug. Ich wollte, dass alle Parteien eine bessere Netzpolitik machen und wir gesellschaftliche Mehrheiten für mehr Grundrechte im Internet bekommen. Mit meinem Blog und zivilgesellschaftlichem Engagement kann ich mehr erreichen und muss weniger gegen innerparteiliche Windmühlen rennen.

Wolfgang Grupp, Unternehmer

Ich glaube nicht, dass das geht: heute Unternehmer sein und morgen Politiker. Man muss seine Sache schon richtig machen. Ich bin mit meiner Firma aufgewachsen, ich bin hundert Prozent Unternehmer. Wenn ich etwas durchsetzen will, kann ich das tun, ich muss niemanden auf meine Seite ziehen und lange diskutieren. Das ist eine Selbstständigkeit, die ich niemals aufgeben werde.

Die These, dass Politiker so unbeliebt seien, teile ich übrigens nicht. Der Politiker ist ein geehrter Mann. Das sieht man, wenn man auf Veranstaltungen geht: Taucht dort ein Landtagsabgeordneter auf, fühlen sich alle geehrt. Unternehmer finden auf solchen Treffen im Vergleich weniger Beachtung.


Klaus Dörre, Soziologe

Obwohl ich pauschales Politiker-Bashing ablehne, muss ich ehrlich sagen: Das professionelle politische Geschäft schreckt mich ab. Besonders Spitzenpolitiker und Spitzenpolitikerinnen wirken auf mich wie entfremdete Wesen, die den Kontakt zum sozialen Leben der Gesellschaft verloren haben. Wir kennen das alle – Tunnelblick, die Unfähigkeit zum Zuhören, der Rückfall in Sprachschablonen und das systematische Verdrängen aller Probleme, die nicht unmittelbar für Tagespolitik taugen. Das hat offenbar strukturelle Ursachen. Eine ist der mediale Druck.

Kaum macht eine Ministerin wie Frau Schwesig einen intelligenten Vorschlag zur bezahlten Arbeitszeitverkürzung für Paare, die Kinder großziehen, gerät sie an den öffentlichen Pranger ("Fehlstart"), weil die Kanzlerin ihr Veto einlegt. Diese machtzentrierte Null-Fehler-Toleranz gegenüber Politikern ist absolut dysfunktional, weil jede Reformpolitik in komplexen Gesellschaften im Grunde nach einer lernfähigen Programmatik verlangt, die ein ständiges Überprüfen und gegebenenfalls auch eine Korrektur von Gesetzen einschließt.

Ein solcher Politiktyp scheitert, zumal in Zeiten der "Postdemocracy" (Colin Crouch), offenbar an institutionellen Barrieren, am kurzfristig angelegten Kampf um Öffentlichkeit, Erfolg und ein Zipfelchen der Macht. Für dieses politische Geschäft bin ich persönlich ungeeignet. Aber ich vertrete das Konzept einer "Public Sociology", im Sinne von Michael Burawoy. Öffentliche Soziologie will das Unsichtbare, Verdrängte, etwa prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse, sichtbar machen. Dazu gehört, im Austausch mit Praktikern deren besonderes Wissen zu erschließen, es aufzuarbeiten, kritisch zu inspizieren, um es sodann an Öffentlichkeit und Politik zurückzuspielen. Auf diese Weise können Wissenschaftler mit ihren Mitteln – etwa einer empirischen  Forschung, die selbstverständlich dem Neutralitätsgebot folgen muss – politisch wirken, ohne selbst politische Partei zu sein. Diese Rolle gefällt mir, denn sie erfordert zwingend, zuhören zu können und am sozialen Leben der Gesellschaft teilzunehmen

Redaktion: Philip Faigle