Ist Thomas Hitzlsperger der Klaus Wowereit des deutschen Fußballs? Gut möglich, dass sich durch das Coming-out des früheren Nationalspielers einiges ändert: dass bei Fußballern, Fans und Journalisten ein Nachdenken einsetzt. Dass der Ton sich ändert, die Ressentiments weniger werden, Menschen keine Doppelleben mehr führen müssen.

In der deutschen Politik jedenfalls war das Coming-out von Klaus Wowereit im Juni 2001 eine solche Zäsur. Für schwule Politiker, aber auch für Journalisten, Parteifreunde und andere politische Beobachter gab es eine Zeit davor und danach. Die deutsche Politik änderte nach diesem Ereignis ihren Umgang mit dem Thema Homosexualität.

Wowereit war der erste deutsche Spitzenpolitiker überhaupt, der sich zu seiner Homosexualität bekannte (übrigens auch einer der ersten weltweit). Wenige Tage vor seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister von Berlin sagte er auf einem Parteitag jene inzwischen längst legendären Worte: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so." 

Der Schritt war nicht frei von Risiko. Bis dahin galt es für Politiker als absolutes Tabu, sich zu outen. Groß war die Furcht, dass die Wähler schwule Politiker abstrafen oder nicht ernst nehmen könnten.

"Kalte Krieger" und "warme Brüder"

Noch in den neunziger Jahren hatten homosexuelle Politiker sogar fürchten müssen, erpresst oder zum Rücktritt gezwungen zu werden. 1995 trat der damalige sächsische Innenminister Heinz Eggert zurück, weil sich Gerüchte über seine angebliche Homosexualität so hartnäckig hielten, dass an Regieren nicht mehr zu denken war. In den Achtzigern war es noch möglich, einen Nato-General wegen dessen vermeintlicher Homosexualität als "Sicherheitsrisiko" einzustufen und in den Ruhestand zu versetzen. Franz Josef Strauß ließ sich einst mit den Worten zitieren, er sei lieber ein "kalter Krieger " als ein "warmer Bruder". Erst 1994 wurde im bundesdeutschen Strafrecht der "Schwulen-Paragraph" 175 abgeschafft, der Homosexualität unter Strafe stellte.

Offen schwul – das waren damals allenfalls schrille Künstler wie Hella von Sinnen oder Dirk Bach. "Paradiesvögel" eben, so ein beliebtes Synonym in dieser Zeit, aber bitte schön keine Politiker.

"Ihre Männerküsse, lieber Klaus"

Es ist keine 13 Jahre her, als Wowereit seine Homosexualität öffentlich machte. Aber das gesellschaftliche Klima in dieser Frage war ein völlig anderes als heute. Gut zu sehen an der Reaktion seines damaligen CDU-Rivalen Frank Steffel. Der warnte in jenen Wochen vor Wowereits "deformiertem Charakter".

Viele andere Reaktionen waren indes positiv. Die Genossen jubelten damals demonstrativ, aber auch Politiker anderer Parteien zollten Wowereit Respekt.

Die Medien reagierten damals vordergründig mit Lob für Wowereits Mut und Aufrichtigkeit. Selbst der Boulevard bediente sich nicht jener homophoben Reflexe, die schwule Politiker zuvor immer befürchtet hatten. Im Gegenteil, die Springer-Blätter und ihre Konkurrenten gaben sich betont liberal: "Schwul – na und?", so die Zeile des Leitartikels in der Hamburger Morgenpost oder Münchner Abendzeitung am nächsten Morgen. Franz Josef Wagner fragte in seiner Bild-Kolumne gar: "Leben wir in den 50ern, 60ern, wo schwul, unehelich (Willy Brandt) Wahlkampfthemen waren?" Und weiter: "Ihre Männerküsse, lieber Klaus, sind so unwichtig wie schön."