Das Leben der meisten Eltern ist ja eigentlich zwei Leben. Das fühlt sich ungefähr so an, als drängelten sich zwei Menschen auf einem Stuhl. Es geht schon irgendwie, aber bequem ist es nicht, und auf die Dauer macht es schlechte Laune. Der eine Drängler heißt Arbeit, der andere Familie.

Wie sehr dieses Geschubse nervt, merkt man eigentlich erst, wenn mal einer aufsteht. Wenn die Arbeit in den Urlaub geht oder die Familie zu den Großeltern reist. Eltern ertragen solche Ein-Leben-Phasen meist nur kurz. Ihre Identität bilden sich Mütter wie Väter heutzutage ja gerade aus der Kombination von Arbeit und Familie. Also wird wieder gedrängelt.

Für dieses Dilemma gibt es in unserer gegenwärtigen Welt keine Lösung. Weshalb der Vorschlag der neuen Familienministerin Manuela Schwesig, beide Elternteile sollten ihre Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden reduzieren, ein fast salomonisch guter ist. Er sorgt wenigstens dafür, dass beide Drängler halbwegs gleich dick sind.

Wenn man die übliche 40-Stundenwoche zugrunde legt, sind 32 Stunden eine 80-Prozent-Stelle. Für die Glücklicheren mit 38 oder sogar nur 36,5 Stunden im Tarifvertrag ist es sogar noch etwas mehr. Das reicht fürs Selbstbild. Wir wollen ja alle arbeiten und nicht nur jobben. Schließlich geht es um mehr als Geld, nämlich um Herausforderung, Anerkennung, Selbstbestätigung. Außerdem braucht gute Arbeit Konzentration und Konzentration braucht Zeit.

32 Stunden heißt auch: einen Werktag in der Woche frei. Oder jeden Tag nach etwas mehr als sechs Stunden gehen. Sechs Stunden Kindergartenzeit aber macht noch niemanden zum Rabenvater. Da bleibt genug Zeit für Spielplatz, Schwimmen und Klavierunterricht.

Klavierunterricht? Hier hakt Schwesigs Vorschlag, deshalb ist er eben nur fast gut. Denn außer Mozarts Wolferl spielen kleine Kinder, von denen Schwesig spricht, meistens kein Klavier. Elfjährige aber schon. Dazu Schlagzeug und Fußball, sogar zweimal die Woche. Außerdem lernen sie binomische Formeln, alle Länder Afrikas und schon zwei Sprachen; wer Glück hat, kann in beiden Vokabeln abhören. Sicher ist: Das wird noch schlimmer.

Es ist die klassische Erfahrung aller Eltern mit den familienpolitischen Maßnahmen der vergangenen Jahre: Die Hilfe endet, die Kinder sind noch da.

Abermals zeigt sich ein tiefsitzendes Missverständnis. Familienpolitikerinnen glauben allzu oft, Veränderungen seien letztlich nur mit finanziellen Anreizen zu erreichen. So ist es beim Elterngeld plus, das die Koalition in ihren Vertrag schrieb. Auch Schwesig verfällt dem wieder, wenn sie die reduzierte Arbeitszeit nach der Elternzeit mit einem anteiligen Lohnausgleich verbindet.

Selbst wenn Schwesig bisher noch nicht verraten hat, wie lange genau Kinder für sie eigentlich klein sind, muss sie diesen Ausgleich zeitlich begrenzen, damit die Kosten nicht in absurde Höhen steigen. Schon jetzt hat ihre Idee der Kanzlerin offenbar einen Schrecken versetzt, ihn über Steuern zu finanzieren. Jedenfalls ließ Regierungssprecher Steffen Seibert schnell verlauten, für die Regierung sei die Familienarbeitszeit in dieser Legislaturperiode kein Thema.

Was macht glücklich?

Natürlich ist Geld niemandem egal, auch Eltern nicht. Aber der Vorschlag geht ja bereits davon aus, dass beide Elternteile 32 Stunden arbeiten - also insgesamt 160 Prozent. Zudem sind Väter auch schon zu Hause geblieben, als es das Elterngeld noch nicht gab. Und es gehen sogar Mütter arbeiten, obwohl sie Betreuungsgeld beziehen könnten.

Was Mütter und Väter brauchen, ist also nicht in erster Linie Geld. Sondern, dass die Gesellschaft ihnen signalisiert: Es ist in Ordnung, beides zu sein – Eltern und Arbeitnehmer. Und trotzdem glücklich.

Was konkret bedeutet: Unternehmen müssen lernen, die Arbeit so geschickt zu verteilen, dass auch 32-Stündler aufsteigen und führen können. Bestehende Teilzeitregelungen haben das bislang selten erreicht. Kitas und Schulen müssen sich so organisieren, dass sie diesem Arbeitsrhythmus gerecht werden, nicht nur in Ostdeutschland und wenigen West-Städten. Und die Familienpolitik muss in ihren Planungshorizonten den Windeln entwachsen, weil das Leben mit Acht- oder Vierzehnjährigen nicht weniger komplex ist als mit Kleinkindern. Nur anders.