Bis heute nutzen allerdings auch Witzbolde #aufschrei, um sich Aufmerksamkeit zu sichern.  Schaut man auf die Timeline, sieht man Brüste, nackte Frauen, dümmliche Bemerkungen à la "Ich habe mir den Fuß gestoßen. #aufschrei".  

Es gab Kritik an dem Wording, unter anderem von der Autorin dieses Textes. Unterstützt eine Kampagne unter dem Stichwort "Aufschrei" nicht auch das Klischee der vermeintlich hysterischen Feministin? Einer, die schreien muss, um auf ihren Punkt aufmerksam zu machen?

Bei der Überlegung zu dem Hashtag habe sie sich an einer englischen Kampagne gegen sexuelle Belästigungen von Frauen auf der Straße orientiert, sagt Wizorek. Unter #shoutingback hätten Frauen ihre Erfahrungen geteilt. So kam es zum #aufschrei, quasi der deutschen Übersetzung. Schreien könne eben auch ein Befreiungsmoment sein, findet Wizorek: "Die Vielzahl der Reaktionen hat Frauen ermutigt, über ihre Erfahrungen zu berichten, die lange geschwiegen haben." Und die Witzbolde und Sexisten, die den Hashtag für sich beanspruchten? Die belegen laut der Feministin nur, wie verbreitet sexistische Einstellungen in der Gesellschaft noch immer sind. 

Viele haben Erfahrung mit Belästigung

Doch auch die #aufschrei-Initiatorin möchte nun weitergehen. "Mir ist es wichtig, dass die Leute nicht nur zuhören, sondern auch was ändern. Das Narrativ 'Frauen gegen Männer', das in der damaligen Diskussion ausgespielt wurde, hat mir von Anfang an nicht gefallen. Wir müssen gemeinsam darüber nachdenken, wie wir aufgeklärt miteinander leben wollen und was wir ändern müssen, um Sexismus wirksam zu bekämpfen", sagt sie.  

Klar ist: Eine Debatte über Sexismus, so aufgeregt sie auch geführt wird, beseitigt ihn noch nicht. Weiterhin fühlen sich Frauen übervorteilt im Job, weiterhin sind sie Opfer unerwünschter sexueller Anzüglichkeiten, weiterhin werden sexistische Äußerungen als Komplimente getarnt, weiterhin werden Frauen oder Männer quasi unabsichtlich herabgewürdigt, weil es an Bewusstsein und Sensibilität mangelt. 

"Ein Problem der Sexismus-Debatte im vergangenen Jahr war sicherlich, dass zu wenig mit wissenschaftlichen Zahlen gearbeitet wurde", sagt Wizorek. Sie verweist auf eine Studie des Bundesfamilienministeriums, wonach mehr als jede zweite Frau angibt, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.

Jetzt braucht es Taten

Ein Beispiel dafür, dass die Sexismus-Debatte nur ein Anfang gewesen sein kann, ist die Personalie Ursula von der Leyen. Als die mächtige, emanzipierte CDU-Politikerin im Dezember zur Verteidigungsministerin ernannt wurde, regte dies die zweifelhafte Phantasie vieler Soldaten, Bürger und leider auch Journalisten an. "Großes Zapfenstreicheln mit Ursula von der Leyen": Das Ausmaß des Sexismus ihr gegenüber hat viele Frauen und auch Männer erschreckt.

Wie weit verbreitet sexistische Erfahrungen sind, zeigt auch eine repräsentative Umfrage für ZEIT ONLINE,  der zufolge 55 Prozent der Frauen die deutsche Gesellschaft als männlich dominiert erleben. Nachdenklich macht allerdings das Ergebnis, dass eine klare Mehrheit der Deutschen angibt, trotz der Sexismus-Diskussion von vor einem Jahr nicht über das eigene Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht nachgedacht zu haben.

Denn jetzt, wo die ganz große Aufregung vorbei ist, wäre nun Zeit, in Ruhe über unfaire Rollenverteilungen und kleine und große Ungerechtigkeiten zu reden, über Männer und Frauen und darüber, was wir gemeinsam erreichen wollen.