Ein Verdacht bestimmt an diesem Dienstag die Berliner Politik. Er legt sich über alles, was eigentlich auf der Tagesordnung steht, über die Themen der Sitzungswoche, die Diätenerhöhung, die Abgeordnetenbestechung. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen Sebastian Edathy, den ehemaligen Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses und einstigen Hoffnungsträger der SPD. Am Freitag hatte dieser sein Bundestagsmandat niedergelegt, aus gesundheitlichen Gründen, wie er sagte. Am Montagnachmittag dann durchsuchten Ermittler vier seiner Büros und seine Privatwohnung. So viel ist sicher. Wichtiger aber ist, was unsicher ist: der Verdacht, es ginge um Kinderpornographie. Bisher gibt es keine offizielle Bestätigung dazu. Die Staatsanwaltschaft sagt nicht, warum sie ermittelt. Edathy selbst weist die Kinderporno-Vorwürfe zurück, sagt aber nicht, ob das überhaupt das Vergehen ist, dessen er von der Justiz offiziell beschuldigt wird.

Am Nachmittag und Abend berichten Medien, dass das BKA am Fall beteiligt sei und die Ermittlungen auf Hinweise kanadischer Behörden zurückgehen. Doch bestätigt ist davon nichts.

Weil aber schon am Dienstagmorgen eine Lokalzeitung unter Bezug auf örtliche SPD-Kreise über den Kinderporno-Verdacht geschrieben hat, ist es schon da in der Welt. Es verselbstständigt sich und zwingt vor allem Edathys eigene Partei, zu reagieren.

Um 10.15 Uhr kommt die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion, Christine Lambrecht, mit ernster Miene zu Pressefrühstück, auf den Tischen liegen die Tagesordnungen für die anstehenden Bundestagssitzungen, aber Lambrecht muss jetzt erst etwas zu Edathy sagen, es geht nicht anders. "Die genannten Gründe, Verdacht auf Besitz von Kinderpornographie, sind schwerwiegend, ich muss sagen, ich persönlich bin zutiefst bestürzt." Die anwesenden Journalisten sind kurz irritiert, ob sie denn mehr wüsste, dass sie nun den Kinderporno-Verdacht selbst anspricht, fragt eine Kollegin. Sie beziehe sich da auch nur auf die Medienberichte, sagt Lambrecht.

Am Wochenende noch Bestürzung

Einerseits war der Vorwurf schon bisher in der Welt und Lambrecht hat ihn nur ausgesprochen, statt herumzudrucksen. Andererseits sorgt jetzt ihr Zitat dafür, dass auch Medien den Kinderporno-Verdacht erwähnen, denen das bisher zu spekulativ war (auch ZEIT ONLINE). Lambrechts Reaktion ist nun für kurze Zeit die neueste Nachricht, in ihrer Formulierung erreicht der üble Verdacht nun auch die letzten Bereiche der Öffentlichkeit. Das ist eine der vielen Merkwürdigkeiten im Fall Edathy.

Dazu gehört auch Art und Zeitpunkt seines Rückzugs. Edathy sei seit Anfang des Jahres krank gemeldet, sagt sein bisheriger Chef, der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann, am Nachmittag. Edathy selbst veröffentlichte am 17. Januar auf seiner Facebook-Seite ein kleines Foto einer Krankschreibung bis zum 28. Februar. Rund drei Wochen später, am vergangenen Samstag, erklärte er in knappen zwei Zeilen seinen sofortigen Rückzug aus dem Bundestag aus gesundheitlichen Gründen. Politiker aller Parteien und Politikjournalisten reagierten bestürzt, die dürre Nachricht ließ das Schlimmste befürchten. Doris Schröder-Köpf aus dem niedersächsischen Landesvorstand twitterte: "Eine sehr traurige Nachricht: Sebastian Edathy verlässt aus gesundheitlichen Gründen den Bundestag. Lieber Sebastian, alles Gute!"