Der Nachname Edathy ist hierzulande nicht sonderlich häufig. Offenbar kann man ihn dennoch übersehen, wenn er auf einer Liste mit 800 Namen auftaucht. So viele standen in den Akten der kanadischen Polizei, die 2011 an das Bundeskriminalamt gingen. Sie alle hatten kinderpornografische Filme oder Aufnahmen nackter Jugendlicher bei der Firma Asov Films bestellt.

Vielleicht wäre vieles anders gelaufen im Fall des Sebastian Edathy, wenn die Beamten in Wiesbaden gleich erkannt hätten, welche politische Brisanz die Unterlagen bargen. Vielleicht hätte Edathy dann die Chance auf einen fairen Prozess gehabt und wäre nicht schon öffentlich vorgeführt worden, bevor das Verfahren gegen ihn überhaupt eröffnet wurde. Die Behörden hätten sich dann wohl auch die Möglichkeit erhalten, weitere der mutmaßlichen Täter ungewarnt zu fassen.

So aber griffen gleich drei Dynamiken, alle zu Ungunsten Edathys: Erstens geriet ein Apparat in Gang, so groß, dass es fast normal erscheinen muss, dass vertrauliche Informationen nach außen dringen. Zweitens übertrieben es die Ermittler in ihrem Bestreben, auch ja jeden Vorgesetzten zu informieren, die anschließend wiederum aus anderen als nur ermittlungstaktischen Interessen handelten. Drittens verriet der zuständige Hannoveraner Staatsanwalt, weil er sich rechtfertigen wollte, der Öffentlichkeit mehr über das Verfahren, als nötig und gut war.

Oberstaatsanwalt Jörg Fröhlich war es auch, der am vergangenen Freitag für einen bizarren Moment sorgte. In einer denkwürdigen Pressekonferenz behauptete er, man habe den Fall als "hochvertraulich" betrachtet und die Akte auch aus Rücksicht für die Karriere des Betroffenen als "Verschlusssache" deklariert. Zur selben Zeit jedoch war der Fall längst bekannt, am folgenden Tag stand sogar das Aktenzeichen in der Zeitung.

Angesichts der Art und Weise, wie deutsche Ermittler kommunizieren, ist es ein Wunder, dass nicht noch viel mehr Menschen von den Anschuldigungen gegen Edathy wussten.

Das Bundeskriminalamt erfuhr davon 2011 aus Kanada, ohne jedoch zu bemerken, welch brisante Akten da angekommen waren. Das BKA untersucht nicht selbst, es leitet solche Fälle an die Zentralstelle für Internetkriminalität weiter, eine Unterabteilung der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt am Main. Diese ermittelt Namen und Wohnorte der mutmaßlichen Täter. Da Justiz Ländersache ist, werden die Fälle sodann den zuständigen Landesbehörden übergeben, also den Landeskriminalämtern und den jeweiligen Staatsanwaltschaften. Im Fall Edathy waren das die Generalstaatsanwaltschaft in Celle und das niedersächsische LKA. Von Celle gingen die Informationen weiter zur Staatsanwaltschaft Hannover – und vom LKA offenbar zur Polizeiinspektion Nienburg, in deren Bezirk Edathy gemeldet ist. Erst in Nienburg fiel jemandem der seltene Name auf. Man informierte umgehend das BKA über den Fund.

Die Akte muss bis dahin schon viele Schreibtische gesehen haben. Und nicht nur die von Ermittlern. Auch Politiker waren bereits im Herbst über das Verfahren informiert.

Denn Staatsanwaltschaften und Polizeien in Deutschland sind längst nicht so unabhängig, wie sie es gerne wären. Sie haben Vorgesetzte, denen sie von ihrer Arbeit berichten müssen.

Alle Bundesländer haben sogenannte "Berichtspflichten in Strafsachen (BeStra)" erlassen. Staatsanwälte müssen die Generalstaatsanwaltschaft und das Justizministerium so früh wie möglich über politisch und wirtschaftlich heikle Fälle informieren. Das gleiche gilt für die Polizei. Auch sie muss melden, wenn sie auf eine politisch brisante Personalie trifft, allerdings nicht dem Justiz- sondern dem Innenministerium.

Mit dieser Vorschrift hat sich auch BKA-Präsident Jörg Zierke vor dem Bundestagsinnensausschuss verteidigt. Ziercke hatte bereits am 16. Oktober Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Fritsche über den Fall Edathy informiert. Der sprach darüber mit Innenminister Hans-Peter Friedrich; mit den bekannten Folgen. Auf ähnlichem Weg erfuhr Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius von möglichen Ermittlungen gegen Edathy. Der Göttinger Polizeipräsidenten Robert Kruse erzählte ihm davon. Er ist für die Polizeiinspektion Nienburg zuständig.

Aber müssen Beamte so früh die politische Ebene unterrichten? Im Fall Edathy war noch nicht einmal ein Verfahren eröffnet, als sie bereits alles weitertrugen. Es waren lediglich Vorermittlungen, die prüfen sollten, ob ein Anfangsverdacht existiert.

Nicht von ungefähr gilt für Ermittlungsbeamte eine Schweigepflicht. Sie soll jene Menschen schützen, die zu Unrecht beschuldigt wurden. Sowohl die Staatsanwälte, als auch die Polizisten hätten auch erst einmal den Mund halten können. Laut BeStra müssen sie zwar frühzeitig informieren, doch gibt es dabei wie immer einen Spielraum für eigenes Ermessen. Mancher Staatsanwalt schickt erst am Morgen der Hausdurchsuchung ein Fax an seinen Chef, damit ihm niemand in die Quere kommen kann.