Die beste Frage kommt ganz zum Schluss der Feierstunde, und sie klingt erst einmal komisch, beinahe unterwürfig. "Was hat Sie jetzt zu diesem Buch bewogen?", fragt eine Journalistin den Altkanzler, der gerade sein Buch Klare Worte vorgestellt hat. Was soll das alles hier, hätte sie auch fragen können, der ganze Zirkus. Sein breites Schröder-Grinsen im Gesicht, gibt er zurück: "Das ist ein Geburtstagsgeschenk an mich selbst." Da lacht der Saal der Honoratioren und Weggefährten.

Am 7. April wird Gerhard Schröder 70 Jahre alt. Zu diesem runden Geburtstag hat er sich schon vorab einen großen Auftritt geschenkt, mit prominenter Nebenbesetzung und der deutschen Öffentlichkeit als Bühne und Publikum zugleich: den Gesprächsband Klare Worte über "Mut, Macht und unsere Zukunft" (man wünscht sich bei so viel "Klartext" beinahe mal ein Buch mit unklaren Worten zur Abwechslung), mehrere Titelgeschichten in Zeitungen und Magazinen, dazu am Donnerstag ein Solo-Auftritt in der kuscheligen ARD-Talkshow von Reinhold Beckmann, und nun eben diese als Buchvorstellung getarnte Feierstunde zu seinen Ehren, in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Bank. Mit Hunderten geladenen Gästen, dem Bankchef Anshu Jain, dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz und Schröders ehemaligem Kulturstaatsminister Michael Naumann als freundliche Fans und Vorlagengeber.

Was Gerhard Schröder sagt, im Buch und auf den Bühnen, ist nicht neu. Die Agenda 2010 war notwendig, auch wenn sie ihn Zustimmung gekostet hat. Russland verdient mehr Respekt. Das Ja zum Kosovo-Krieg war richtig, das Nein zum Irak-Krieg später auch. Deutschland sei "in diesen Monaten erwachsen geworden". Was natürlich auch heißt: Er, Schröder, hat Deutschland aus der Pubertät geführt. Das Buch changiert zwischen Eitelkeit und Understatement. Nicht er allein habe mit den Agenda-Reformen für die jetzige gute wirtschaftliche Lage des Landes gesorgt, das liege auch an der guten industriellen Basis und der Tarifpartnerschaft von Arbeitgebern und Gewerkschaften.

"Das werden die jungen Leute bezahlen müssen"

Am wertvollsten ist das Buch da, wo sich Schröders Lebensgeschichte, die seiner SPD, und der jetzige Zustand der deutschen Gesellschaft überschneiden. Voller Dankbarkeit ist der Ex-Kanzler für seinen sozialen Aufstieg. "Eine Gesellschaft, die mir das ermöglichte, konnte ich nicht als Gegner sehen", begründet er seine Distanz zu den Achtundsechziger-Protesten seiner Generation. Sozialdemokratie war deshalb für ihn optimistisch, sie sollte Aufstiege wie den seinen ermöglichen. In den Nachkriegsjahrzehnten funktionierte das, dank Wirtschaftsboom und auch wegen der im Krieg verstorbenen und nun zu ersetzenden Väter, heute aber nimmt die Durchlässigkeit der Gesellschaft ab. Ganz zum Schluss des Buchs sagt Schröder: "Ich glaube nicht, dass eine Karriere wie die meine heute noch einmal möglich wäre. Und das bedaure ich."

Ein Problem ist das auch für seine SPD, wenn sie statt mit optimistischen Aufstiegsversprechen mit sozialstaatlicher Besitzstandswahrung Politik macht. Aus einer Zukunftspartei könnte dann eine Vergangenheitspartei werden. Diese Sorge spricht auch aus Schröders Kritik an den Rentenplänen der aktuellen Großen Koalition, nach denen Arbeitnehmer unter bestimmten Bedingungen schon mit 63 aufhören können. "Das geht in die falsche Richtung", sagt er. "Das werden die jungen Leute bezahlen müssen."

Interessanter aber als der Inhalt sind Art und Timing von Schröders Rückkehr. Michael Naumann, der eitle Schröder-Vertraute, Journalist (ehemals auch Herausgeber der ZEIT) und Moderator der Buchvorstellung, bringt das gleich zu Anfang auf den Punkt. An die vielen anwesenden Hauptstadtjournalisten gerichtet, sagt er: "Ich vermute, dass Sie zum Teil gekommen sind, vielleicht unterbewusst, um Buße zu tun." Er meint: Buße für die bisher ausgebliebene Würdigung von Schröders Verdiensten. Das ist natürlich ironisch gemeint und auch ziemlich unverschämt, aber es ist doch etwas dran. Denn je mehr Zeit vergeht, desto milder und positiver wird das Urteil über Schröder. Seine Reformen gelten längst als entscheidendes Rüstzeug für die gut durchstandene Wirtschaftskrise. Selbst seine eigene Partei hat sich mit dem schweren Agenda-Erbe ihres vorerst letzten Kanzlers einigermaßen arrangiert.

"Niemand hat es mir gedankt!"

Eine Rehabilitation hat Schröder nicht nötig. Eine Würdigung aber, die will er sich nun, da das Klima freundlicher ist, abholen. Der Gegenwind ist schwach genug, dass er nach der Deutungshoheit über seine Regierungszeit greifen kann. Die lautet so: Wir haben die richtigen Weichen gestellt, ohne Rücksicht auf persönliche Verluste. Als ihn Reinhold Beckmann im Fernsehen oder Naumann auf der Bühne in Berlin nach der aktuellen Diskussion über eine größere Rolle Deutschlands in der Weltpolitik fragen, sagt Schröder nur: "Schaut Euch einfach an, was wir getan haben!" Den Nachsatz "Und macht es dann nach!" lässt er weg, aber jeder kann ihn auch so hören. Die Sozialdemokratisierung der Union? Logisch, "weil sie gesellschaftliche Trends, die wir gesetzt haben, erkennt und zu ihnen aufschließen muss." Vorreiter Schröder, einmal mehr. An anderer Stelle, es geht um den Afghanistan-Einsatz, sagt der Ex-Kanzler: "Ich habe dafür meinen Job riskiert, und niemand hat es mir gedankt!" Er klingt dabei nicht verbittert, eher abgeklärt.

Martin Schulz, der Spitzenkandidat der Europäischen Sozialdemokraten zur Europawahl im Mai, bekennt sich in seiner kurzen Rede zu den FroGS, den Friends of Gerhard Schröder. Die hätten sich vielleicht naturgemäß nicht immer gezeigt, "denn Frösche sind ja auch mal unter Wasser". Nun hat Schröder seinen Fan-Fröschen eine Auftauch-Hilfe gegeben.