Alle beieinander abends in der Bar – so kann man sie vermutlich nicht einmal in Berlin antreffen, die fast vollständige Ministerrunde der Bundesregierung. Anders im King David Hotel in Jerusalem. Nachdem sie dort am Montag mit ihren israelischen Kollegen diniert hatten, saßen sie unter sich noch bis spät zusammen, während sich die Kanzlerin und ihr Außenminister im Nebenraum zum Hintergrundgespräch für die deutschen Korrespondenten bereit fanden.

Ihre Krücken, die sie nach dem Skiunfall immer noch stützen, legte die Bundeskanzlerin dazu elegant beiseite. Israel ist kein unbekanntes Terrain für sie. Angela Merkel weiß, dass man sie hier als ehrliche und treue Freundin des Landes hoch schätzt. Sie hat ja auch diese bilateralen Regierungskonsulationen vor sechs Jahren selbst initiiert. Neu sind schließlich auch die Unstimmigkeiten im Hinblick auf den Siedlungsbau nicht. Da galt schon beim Abschluss des letzten Treffens 2012 der Satz: "Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind."    

Dieser Graben zwischen ihr und Benjamin Netanjahu bleibt. Die Frage, ob der aber nun etwa tiefer geworden wäre, hat Merkels Großbesuch vor allem in den Medien beider Länder begleitet. Wenn sich beide im vergangenen Jahr am Telefon nicht mehr angeschrien hätten, schrieb Ha'aretz, so läge das nicht an einer verbesserten Beziehung, sondern an der Schlussfolgerung der Kanzlerin, dass sie den Ministerpräsidenten ohnehin nicht beeinflussen könne. Sie hätte es einfach aufgegeben.  

Die Art, wie dann aber beide zusammen am Dienstag in ihrer gemeinsamen Pressekonferenz nach den Gesprächen Bilanz zogen, verweist immerhin auf einen Modus Vivendi, der zu funktionieren scheint. Die Liste an Vereinbarungen reicht von konsularischer Hilfe in Ländern, in denen Israel keine Vertretung hat, über die gegenseitige Anerkennung von Führerscheinen bis zur Gewährung von working holidays, die es vor allem jungen Leuten erlaubt, während eines Aufenthalts von bis zu sechs Monaten im jeweils anderen Land auch zu arbeiten. Das wird vermutlich noch mehr Israelis nach Berlin bringen, die es schon jetzt in Scharen dorthin zieht. 

Neuer Tonfall aus Deutschland

Wer die umfassenden Regierungskonsultationen bloß als ein Übertünchen zunehmender Zwistigkeiten wertet, mag diese Resultate als Kleinigkeiten abtun, aber in ihrer Summe tragen sie zu einem noch engeren Beziehungsgeflecht bei. Wer außerdem am Dienstag den Hotelsaal voller deutscher und israelischer Minister im intensiven Gespräch miteinander sah, tat sich schwer mit der Einschätzung von einem Tiefpunkt im bilateralen Verhältnis. 

Was nicht heißt, dass alles in Ordnung wäre. 70 Jahre nach dem Holocaust und bald 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen geht es in den tieferen Schichten des Verhältnisses um die Frage, inwieweit Deutschland seine Rolle als enger Verbündeter Israels heute neu definiert. Das geht mit einem anderen Tonfall einher. Dies sei "die Zeit von Verhandlungen und politischen Lösungsversuchen", formulierte Frank-Walter Steinmeier in einem Namensartikel in der größten Tageszeitung Yedioth Aharonot. Das sagen zwar andere westliche Außenminister auch so, aber aus deutschem Munde haben so klare Ansagen immer noch einen anderen Klang.  

Von einem Tiefpunkt in den Beziehungen will der deutsche Botschafter vor Ort deshalb aber noch lange nichts wissen. Andreas Michaelis redet allerdings von "Verschattungen" im Hinblick  auf das Image seines Landes in Israel. So habe man dort das wichtige Signal, das Martin Schulz in der Knesset aussenden habe wollen, nicht richtig wahrgenommen. Es habe geheißen: Es wird keinen EU-Boykott gegen Israel geben, aber das sei untergegangen in den Tumulten. In der Tel Aviver Botschaft hätten daraufhin viele Israelis angerufen, um sich zu distanzieren von der Handvoll rechtsgerichteter Abgeordneter, die Schulz als Deutschen und Besserwisser abgekanzelt hatten, weil der in seiner Rede die Besatzung kritisiert hatte.