Darüber hinaus müssten auch die Instrumente flexibler werden, fordert Irene Vorholz vom Deutschen Landkreistag. Die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen seien an zu viele Auflagen und zu kurze Zeiträume gebunden. Jobcenter bräuchten maximale Spielräume, um wirklich helfen zu können. So könne man zum Beispiel darüber nachdenken, ob das Jobcenter im Zweifelsfall nicht auch in der Lage sein sollte, eine Zahnreinigung zu bezahlen, falls die Vermittlung eines Arbeitslosen in einen Job wegen seines Äußeren gefährdet sei, sagte Vorholz.  

In Zukunft sollten die Jobcenter aber auch verstärkt die Menschen betreuen, die man bereits in eine Arbeitsstelle vermittelt habe, betonte Bundesagentur-Vorstand Alt. Denn derzeit sei es leider so, dass die Hälfte der vermittelten Arbeitslosen innerhalb eines Jahres wieder in die Grundsicherung zurückfalle.  

Auch gebe es unter den ehemals Langzeitarbeitslosen sowie unter den Aufstockern immer mehr Menschen in atypischer Beschäftigung, also Minijobs, Teilzeit- oder Leiharbeit. Sie bräuchten Begleitung, damit zum Beispiel aus einem 450-Euro-Job vielleicht wenigstens ein Teilzeitjob werde. "Wer länger aus dem Berufsleben draußen war, fühlt sich stark unter Druck. Er braucht ein Jahr, um seine volle Leistungsfähigkeit wieder zu erreichen", sagte Alt. 

Weiterentwicklung des zweiten Arbeitsmarkts

Städte und Kommunen fordern von der Politik außerdem die Weiterentwicklung des öffentlichen Beschäftigungssektors, einerseits um Menschen wieder an den ersten Arbeitsmarkt heranzuführen, andererseits um diejenigen, die dort keine Chance mehr haben, vor Ausgrenzung und Isolation zu bewahren.  

Bislang leide der zweite Arbeitsmarkt jedoch unter dem Paradox, dass nur Tätigkeiten, die keine normale Beschäftigung gefährden, gefördert werden dürften, sagte Alt. Arbeitslose lesen beispielsweise in Heimen vor oder sammeln Müll in den Parks ein. Die Art der Tätigkeiten verringere die Chancen, dass der Übergang vom zweiten in den ersten Arbeitsmarkt gelinge. Auch das Prestigeprojekt der früheren Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, die Arbeitslose zu Bürgerarbeitern machen wollte, erwies sich als Flop. "Hier müssen wir nochmal neu nachdenken", sagte Alt.  

Zwei Milliarden jährlich

Die Forderung nach einem sozialen Arbeitsmarkt für schwer vermittelbare Arbeitslose wird auch vom Paritätischen Wohlfahrtsverband unterstützt. Anders als Städte und Kommunen erhob dieser aber weitreichende finanzielle Forderungen. Rund zwei Milliarden Euro jährlich seien an zusätzlichen Mitteln für den Ausbau entsprechender Angebote und die Qualifizierung Langzeitarbeitsloser erforderlich, hieß es in einer Pressemitteilung.

Michele Nitzsche und Jeffrey Weiß haben es – so steht es jedenfalls in einer Broschüre der Arbeitsagentur – übrigens geschafft. Nitzsche arbeitet in der Altenpflege, Weiß macht eine Ausbildung zum Gebäudereiniger. Eine Million anderer Langzeitarbeitslose wartet noch auf ihre Chance.