Offene Grenzen sind eine große Errungenschaft der Moderne. In der DDR gingen die Bürger 1989 für das Recht auf Ausreise auf die Straße und brachten ihr Land damit zum Einsturz. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begann eine neue Völkerwanderung. Millionen verließen ihre Heimat Richtung Westen, dazu kam die Globalisierung, die die weltweiten Wanderungsbewegungen verstärkte. Die Folgen spüren wir bis heute. 

Nicht jeder betrachtet jedoch den Zustrom fremder Menschen mit anderen Kulturen und Sitten als Gewinn. Das hat die knappe Mehrheit in der Schweiz für das Volksbegehren gegen "Masseneinwanderung" deutlich gezeigt. Das Abstimmungsergebnis lässt sich sicherlich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen. Der Ausländeranteil ist dort dreimal so hoch, die Stimmung richtet sich vor allem gegen qualifizierte Einwanderer, die auch aus Deutschland in das wohlhabende Nachbarland ziehen. Aber auch bei uns wäre ein ähnliches Ergebnis denkbar, wenn das Volk entscheiden dürfte.

Dabei hilft es auch nicht zu wissen, dass die meisten Migranten ihre Heimat nicht gerne verlassen. Sie tun es, weil sie dort keine Perspektive sehen, weil sie keine Arbeit finden, drangsaliert oder verfolgt werden. In der Fremde erhoffen sie sich ein besseres, sicheres Leben.

Aber nicht alle Träume gehen in Erfüllung. In der Realität stoßen sie oft auf starke Hindernisse – auf beiden Seiten. Migration ist ein schwieriger, komplexer, langwieriger Prozess, der reale Probleme und Konflikte schafft und Ängste weckt. Meist dauert es Generationen, bis er gelingt – oder auch nicht.

Es gilt, Einwanderung nüchtern zu betrachten: Neben ausländischen Fachkräften, die bei Arbeitgebern begehrt sind, gibt es ungelernte, sprachunkundige Einwanderer, die sich häufig in weniger attraktiven Stadtteilen mit billigen Wohnungen ballen. Weil sie nichts anderes bekommen oder sich leisten können. Es gibt Menschen, die als einfache Putz-, Pflege- oder Hilfskräfte arbeiten und ausgenutzt werden. Und es gibt Zuwanderer, die in der neuen Heimat Geschäfte gründen, einen Beruf erlernen, studieren oder auf anderem Wege gesellschaftlich erfolgreich werden.

Zuwanderung muss gesteuert werden

Migration ist in der heutigen Welt, die vom Austausch von Wissen, Waren und Informationen lebt, nicht zu verhindern. Das wäre auch nicht erstrebenswert. Aber man kann und sollte sie, soweit es geht, steuern. Und man sollte die Ängste und Probleme, die sie schafft, ernst nehmen, damit sie sich nicht irgendwann – wie schon einmal nach der Wende – in Pogromen oder Voten für fremdenfeindliche, populistische Parteien entladen.

Es reicht nicht, den Menschen, die sich vor Ausländern fürchten, zu erklären, dass wir Einwanderer aus demografischen Gründen "brauchen", um den Geburtenrückgang und den Fachkräftemangel auszugleichen. Das haben Regierung, Experten, Arbeitgeber und Gewerkschaften in der Schweiz getan, das versuchen sie auch in Deutschland seit Jahren zu tun. Aber wer Angst vorm Fliegen hat, lässt sich nicht beruhigen, indem man ihm versichert, dass Fliegen an sich etwas schönes ist und Flugzeuge in der Regel sicher landen. Es gehört mehr dazu: das eigene Erleben und das Gefühl, dass die Angst als berechtigt angenommen wird. Nur dann kann sie überwunden werden – nicht, indem Politiker eine "Willkommenskultur" predigen.