Es gehört zu den Pflichtübungen der Opposition, zum 100-Tage-Jubiläum die neue Regierung zu kritisieren. Also schimpfte Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch über die "Koalition des Stillstands". Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken, Petra Sitte, wirft der SPD vor, sich "im Minimum einzunisten" und die Vize-Fraktionschefin der Grünen, Kerstin Andreae, warnt vor der großkoalitionären Rentenpolitik: "Die Rechnung kommt später".

Soweit, so vergleichsweise harmlos. Bedenkt man, dass der einstige FDP-Chef Guido Westerwelle, der ersten rot-grünen Regierung nach 100 Tagen attestierte, diese "Chaostruppe" regiere "wie Flaschen leer", nimmt sich die jetzige Kritik recht zurückhaltend aus.

Das dürfte auch daran liegen, dass SPD und Union tatsächlich ziemlich reibungslos miteinander regieren. Professionalität statt erbitterter Rangeleien, Pragmatismus statt großer Visionen bestimmen den Start dieser Koalition.

"Es zeigt sich, dass wir eine handlungsfähige Regierung sind", lobte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel selbst. Vergleicht man die ersten hundert Tage dieser Regierung mit denen der schwarz-gelben Wunschkoalition zuvor, bestätigt sich dieser Eindruck. 

Von "100 Tagen Trostlosigkeit" schrieb damals die Bild am Sonntag, "100 Tage Enttäuschung" hieß es in der Wirtschaftswoche, "hundert Tage Hakelei" erkannte die Frankfurter Allgemeine Zeitung – alles Blätter, die der schwarz-gelben Koalition eigentlich freundlich gegenüberstanden.

Tatsächlich hatte die schwarz-gelbe Regierung es während ihrer ersten 100 Tage bereits auf drei Neustarts und einen Krisengipfel gebracht und sich hoffnungslos in Streitereien um Steuersenkungen, Gesundheitsreform und Geschichtspolitik (Stichwort: Erika Steinbach) verheddert.  

Nur Kopfschütteln

Die Kritik an dem Bündnis übernahmen damals die Bündnispartner selbst. Die Außenwirkung der Koalition sei "stark verbesserungsbedürftig", rügte FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Vize-FDP-Chef Andreas Pinkwart sagte über den Regierungsstart, "durchwachsen wäre ein Euphemismus" und CSU-Chef Horst Seehofer hatte für all das "nur Kopfschütteln" übrig.  

Lediglich die Kanzlerinnenpartei griff schon damals zu einem bewährten Mittel: "Wir machen durch Schweigen deutlich: Hier sitzt die Volkspartei", wurde ein Vertrauter von Merkel in der Financial Times Deutschland zitiert.

Verglichen mit all dem geht es in dem schwarz-roten Zwangsbündnis erstaunlich harmonisch zu. Sicher, es gab die Edathy-Affäre. Weil in Zusammenhang mit den Kinderpornografie-Vorwürfen gegen den früheren SPD-Abgeordneten ein CSU-Minister sein Amt verlor, sonst aber niemand, wurde die Stimmung in der großen Koalition von "Vertrauens-" auf "Arbeitsatmosphäre" zurückgestuft. Doch mittlerweile scheint der Höhepunkt dieser Verstimmung überschritten, auch wenn CDU und CSU sich mit Rücksicht auf ihre Basis weigern, die Affäre offiziell für abgehakt zu erklären.

Es fehlt das Erbitterte

Klar, es gibt inhaltliche Gegensätze. Vor allem den Wirtschaftspolitikern in der Union schmeckt die von den Sozialdemokraten durchgesetzte Rente mit 63 nicht, genauso wenig wie der Mindestlohn oder die Mietpreisbremse. Die Sozialdemokraten wiederum können nur zähneknirschend akzeptieren, dass die doppelte Staatsbürgerschaft auch in Zukunft nur unter bestimmten Bedingungen möglich sein wird. Und die CSU verfolgt bei der Energiewende ihre eigene, bayerische Agenda.