Die Sprache, die die Mitglieder der Alternative für Deutschland am besten verstehen, und die sie hören wollen, ist das Juristendeutsch. Es sei "Gefahr im Verzug", sagte also Bernd Lucke und hatte sofort die Aufmerksamkeit des Erfurter Parteitags. Der Terminus bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Schlimmes passiert, ist so groß, dass sofortiges Handeln nötig ist. Rhetorisch funktioniert das wie ein in die Luft gebohrter Zeigefinger, wie "Aufgemerkt und auf zur Tat!"

Lucke warnte, man werde zunehmend und "wie selbstverständlich eingeordnet als eine Partei rechts von der CSU". Das aber sei "fatal", schließlich habe man Wähler "aus allen politischen Richtungen". Bis hierhin hat Lucke Recht. Ein Prozentpunkt der Stimmen bei der vergangenen Bundestagswahl kam von ehemaligen Linke-Wählern, auch aus allen anderen Lagern wechselten Menschen zur AfD.

Dann sagte Lucke: "Wir sind eine Partei, die sich nicht in das übliche Rechts/Links-Schema einordnet." Genau an diesem Punkt wird es schwierig.

Der AfD-Chef will seine Partei genauer verorten, um von vermeintlich böswilligen Medien nicht beliebig in die rechte Ecke bugsiert werden zu können. Er weigert sich aber, diese Positionierung innerhalb des etablierten Koordinatensystems aus rechts/links und konservativ/progressiv vorzunehmen. Dieses Schema lehnt er ab, das sei das Modell der Altparteien. Die AfD glaubt, diese Denkweise überwunden zu haben. Ihre Leitlinien seien Sachkenntnis und die Verteidigung von Werten. "Volkspartei des gesunden Menschenverstands" lautet Luckes von den Anhängern umjubelte Selbstbeschreibung.

Doch Sachkenntnis und Menschenverstand sind keine politischen Kategorien, sondern Floskeln. Luckes Slogans sagen nur: Wir sind klug, alle anderen sind doof. Das ist keine politische Haltung, sondern Besserwisser-Attitüde. Zur Bestimmung des Standorts seiner Partei taugt das kein bisschen.

Die alten Kategorien, die Lucke mit arroganter Geste ablehnt, machen noch immer Sinn. Hinter "links", "rechts", "liberal" und "konservativ" stehen Auffassungen vom Menschen und davon, was Politik soll. Umsorgender Staat oder schlanker Staat? Mehr Solidarität oder mehr Konkurrenz?

Indem Lucke diese Kategorien ablehnt, verweigert er letztlich eine inhaltliche Festlegung, die ihn Wähler kosten würde. Ein wirklich klares Parteiprogramm, das Stimmen vom linken bis zum rechten Rand einfängt, kann es nicht geben. Will die AfD wirklich seriös sein, muss sie sich für eine Richtung und damit auch gegen andere Richtungen und Wähler entscheiden.

Luckes Auftritte beim Parteitag deuten darauf hin, dass er dazu nicht bereit ist. Er will sie alle. Er will sich der Logik des politischen Spektrums nicht unterwerfen. Seine Hoffnung: Wer nicht zum System gehört, der ist für diejenigen, die noch nach dessen Regeln spielen, unangreifbar. Altparteien und Medien, sie sollen mit ihrer Kritik am Gesunder-Menschenverstand-Image der AfD abprallen.

Je mehr konkrete Positionen die AfD aber beschließt - wie an diesem Wochenende zur EU und zur Ukraine - desto erkennbarer wird sie werden, ob sie will oder nicht.