Die AfD zwischen Mäßigung und Rechtspopulismus – Seite 1

Nigel Farage ist gekommen, um auszuteilen. Kaum steht er auf der Bühne des Kölner Maritim-Hotels, pöbelt er gegen das europäische Establishment: der Kommissionspräsident? Lächerlich. Der Präsident des Europäischen Rats? Ein Waschlappen. Der Spitzenkandidat der Europäischen Sozialdemokraten? Ein Faulpelz. Nigel Farage, der Chef der britischen United Kingdom Independence Party (UKIP) ist nicht der einzige EU-Gegner im Europäischen Parlament. Aber einer der lautesten.

Seine Reden werden auf YouTube zehntausendfach geklickt, das ist viel, wenn man bedenkt, dass man die meisten Abgeordneten des Europäischen Parlaments nicht einmal mit Namen kennt. Nigel Farage hat die UKIP zu einer bedeutenden politischen Kraft in Großbritannien gemacht, in jüngsten Umfragen erhielt sie 27 Prozent der Wählerstimmen, mehr als die Tories und die Labour Party.

Die Kernforderung von Farage ist der Austritt Großbritanniens aus der EU. Rein oder raus, schwarz oder weiß – so funktioniert die UKIP-Welt. Bekannt geworden ist die Partei vor allem durch krude Forderungen und ihr wenig sensibles Personal. UKIP-Politiker wollten die Zahl ausländischer Fußballspieler in britischen Teams begrenzen und Häftlingen das Wahlrecht entziehen. Im vergangenen Winter bezeichnete ein Lokalpolitiker der UKIP das Hochwasser in Großbritannien als "Strafe Gottes für die Einführung der Homo-Ehe", ein anderer forderte die Abtreibung von Kindern mit Downsyndrom.

Von einigen Forderungen und Parteigenossen hat sich der UKIP-Chef Nigel Farage distanziert. Doch auch die entschärfte Version des Parteiprogramms strotzt vor Populismus: Einwanderungsstopp, Kopftuchverbot, Abschaffung der Political Correctness. Den Euro hält Farage für eine "monumentale Dummheit". Sich selbst bezeichnet er als libertär. Freihandel in der EU findet er gut, eine politische Union lehnt er entschieden ab.

Die UKIP steht im Spektrum der Euro-Skeptiker nicht am äußersten rechten Rand, sie ist gemäßigter als der französische Front National und die niederländische Freiheitspartei von Geert Wilders. Aber radikaler als die Alternative für Deutschland. Und genau deshalb gibt sich die AfD in Köln etwas verdruckst.

Lucke "stinksauer" über Farages Einladung

Offizieller Veranstalter des Abends ist nicht die AfD, sondern die Junge Alternative (JA), die Jugendorganisation der AfD. Der Abend habe mit der Partei nichts zu tun, er wird als "Bildungsveranstaltung einer Jungendorganisation" verkauft. Tatsächlich trägt er die klare Handschrift der Mutterpartei. Im Saal sitzen kaum Jugendliche, dafür viele alte Männer mit dem Symbol der AfD am Kragen. Auf der Bühne sitzt nicht nur Nigel Farage, sondern auch Martin Renner, der ehemalige Landesvorstand der AfD in Nordrhein-Westfalen, und Marcus Pretzell aus dem Bundesvorstand. Der stellt gleich zu Beginn klar, was die AfD von der UKIP unterscheidet: "Ein Austritt Deutschlands aus der EU wäre außenpolitischer Amoklauf", sagt Pretzell. Trotzdem könne man von Nigel Farage lernen. Wie man ein Publikum für sich gewinnt, zum Beispiel.

Farage lehnt lässig am Rednerpult, er trägt Anzug und Krawatte und lila Socken mit pinkfarbenen Pfund-Zeichen, dem Symbol der UKIP. Die Leute im Saal klatschen und johlen. Wenn Farage "Barroso" sagt oder "Martin Schulz", fangen sie an zu buhen und zu pfeifen. Farage ist ein talentierter Redner, ein schillernder Typ, schlagfertig und umstritten. Besonders umstritten ist er in der AfD. Deren Chef Bernd Lucke hat sich stets von Farage distanziert – aus Angst, die AfD könnte in die rechte Ecke gestellt werden. Statt mit den populistischen Schmuddelkindern von der UKIP will er im Europäischen Parlament lieber mit den britischen Konservativen zusammenarbeiten.

Als Lucke von der Einladung an Farage erfuhr, sei er "stinksauer" gewesen, heißt es aus der Berliner Parteizentrale. Am Telefon habe er versucht, Marcus Pretzell zurückzuzitieren – vergeblich. "Nigel Farage einzuladen ist ein Zeichen von mangelndem politischen Fingerspitzengefühl", sagt Lucke. "Es gibt erhebliche Differenzen zwischen der AfD und UKIP."

Richtungskämpfe in der AfD

So treten in Köln die Richtungskämpfe zu Tage, die innerhalb der Alternative für Deutschland schwelen. Pretzell, der erst am vergangenen Wochenende in den Bundesvorstand gewählt worden war, ist einer der wenigen AfD-Politiker, die Bernd Lucke gefährlich werden könnten. An der Basis wird er vor allem von den Mitgliedern unterstützt, die Lucke vorwerfen, das Programm der AfD zu verwässern, um für gemäßigte Wähler attraktiv zu bleiben. Viele dieser enttäuschten Mitglieder sind heute nach Köln gefahren. "Der Farage haut ordentlich auf den Tisch", sagt ein AfD-Mann aus Baden-Württemberg. "Nicht so wischiwaschi wie der Lucke." Während Bernd Lucke die AfD-Mitglieder zur Toleranz erziehen will, werden in Köln schärfere Töne angeschlagen. Der Ex-Landesvorstand Martin Renner warnt nicht nur vor dem Euro und der "Brüsseler Monsterbürokratie", sondern auch vor einer "zunehmenden Islamisierung der Lebenswelt". Er wolle sich für alle einsetzen, "die durch die Multikulti-Gesellschaft von ihrer angestammten Alltagswirklichkeit entfremdet" werden.

Den AfD-Chef Bernd Lucke bringt das in eine unbequeme Lage: Er selbst hat stets gefordert, unliebsame Meinungen anzuhören, statt mit der Populistenkeule durch die Luft zu wedeln. Hackt er zu sehr auf Nigel Farage herum, macht er sich unglaubwürdig; der Kampf gegen "Denkverbote" ist Teil des AfD-Programms. Die Junge Alternative erinnert in Köln daran: "Wir widersetzen uns der Meinungsdiktatur", sagt einer ihrer Sprecher und bekommt viel Applaus dafür. Es ist der Moment, in dem sich manche Journalisten im Raum das Lachen nicht verkneifen können. Vor der Veranstaltung hatte die JA der Presse ungewöhnlich strenge Akkreditierungsvorschriften gemacht. Journalisten, die ihren Ausweis nicht gut sichtbar am Körper trugen, drohte sie eine Strafe von 10.000 Euro an, und während der Pressekonferenz mit Nigel Farage schnitt ein Vorstandsmitglied der JA, ein 18-jähriger Schüler aus Soest, den Journalisten in Aufpassersprache das Wort ab. Im Glanz des Populisten Nigel Farage konnte sich die AfD an diesem Abend sonnen. Als Partei der Meinungsfreiheit hat sie sich demontiert.