Wenn es nach Andrea Nahles geht, soll der geplante gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro erst für über 18-Jährige gelten. "Wir müssen verhindern, dass junge Menschen lieber einen besser bezahlten Aushilfsjob annehmen, statt eine Ausbildung anzufangen", so begründet die Arbeitsministerin die Ausnahme in dem gerade vorgelegten Gesetzesentwurf.

Dieser könnte sich allerdings noch verändern. So ist der Union die Altersgrenze eher zu niedrig angesetzt. Von einer Anhebung auf 23 Jahre ist die Rede, aber einig sind sich die Abgeordneten der Fraktion noch nicht. Arbeitgeber-Präsident Ingo Kramer fordert eine Grenze von 21 Jahren. Die Industrie- und Handelskammern sowie der Zentralverband des Deutschen Handwerks, die viele Ausbildungsberufe für Jugendliche betreuen, würden sie gern bei 25 Jahren sehen.

Die Diskussion wirft Fragen auf: Beginnen junge Menschen wirklich erst so spät ihre Ausbildung? Wird der Mindestlohn sie künftig davon abhalten? Und: Ist es überhaupt rechtlich möglich, den Mindestlohn vom Alter abhängig zu machen? Ist das nicht eine Form der Diskriminierung, die im Arbeitsrecht geahndet wird?

"Mögliche Altersgrenzen für den Mindestlohn dürfen keinesfalls willkürlich gewählt sein", sagt der Münchner Professor für Arbeitsrecht Volker Rieble. Auch das Arbeitsministerium sieht diese Herausforderung: Juristische Argumentationsgrundlage für die Alterseinschränkung ist daher das Jugendarbeitsschutzgesetz, das besondere Regelungen für unter 18-Jährige vorschreibt. 

Die ausbildenden Kammern verweisen aber darauf, dass die Bundesagentur für Arbeit ihre Förderprogramme selbst an einer Altersgrenze von 25 Jahren orientiert. So erhalten jüngere Arbeitslose seit einigen Jahren eine intensivere Betreuung – mit der Hoffnung, dass sie noch eine Berufsausbildung abschließen. 

700 Euro monatlich

Auch Arbeitsrechtler Rieble zweifelt daran, dass die 18-Jahre-Grenze im Jugendarbeitsschutzgesetz ein guter "Sachgrund" für die Einschränkung des Mindestlohns sein kann. Das Durchschnittsalter für den Beginn einer Berufsausbildung in Deutschland beträgt nach Angaben des Bundesinstituts für Berufliche Bildung 19,8 Jahre, nur 40 Prozent der Lehrlinge sind noch nicht volljährig. Bei den Ausbildungsberufen in Industrie und Handel starten viele erst mit 20 oder 21 Jahren, weil sie vorher noch Abitur gemacht haben. Eine Berufsausbildung dauert rund drei Jahre, also hätten Jugendliche nach der Logik von Andrea Nahles schon mitten in ihrer Ausbildung Anrecht auf Mindestlohn – sollten sie wirklich hinschmeißen und jobben gehen.

Schon heute übrigens ist ein Aushilfsjob finanziell attraktiv für junge Menschen ohne Berufsausbildung. "Wir beraten immer wieder Jugendliche, die nach der Schule erst einmal herumgejobbt haben", sagt Jakob Schmachtel, der als Ausbildungsvermittler für die IHK Berlin arbeitet. "Viele berichten uns, dass sie schon den Sinn einer Berufsausbildung sehen, aber dass es für sie eine große Einschränkung sein wird, die kommenden Jahre wieder von einem Lehrlingsgehalt zu leben." 

Auch Arbeitsrechtler Rieble, der am anderen Ende Deutschlands am Starnberger See lebt, berichtet: "Bei uns liefern bereits heute vor allem junge Männer Pakete aus, die haben keine Ausbildung, aber das interessiert sie auch erst einmal nicht. Sie können gut leben von ihrem Lohn und wollen ihrer Freundin etwas bieten."

Finanziell attraktiv ist eine Lehre in Deutschland eben wirklich nicht. Durchschnittlich verdiente ein Auszubildender im vergangenen Jahr 767 Euro brutto in Westdeutschland und 708 Euro in Ostdeutschland, wie eine Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt. Am besten bezahlt werden Maurer, deren Gehalt zwischen 800 und 999 Euro beträgt, mancher Frisörlehring in Ostdeutschland muss allerdings mit nur 269 Euro auskommen, und ein Bäcker-Azubi verdient um die 500 Euro. Die Mehrheit aller Auszubildenden bekommt im Westen und auch im Osten zwischen 600 und 900 Euro.

Das lässt sich bereits jetzt mit ungeschultem Kellnern in einer Kneipe locker verdienen. Dennoch könnte ein Mindestlohn von 8,50 Euro die Attraktivität des Jobbens noch erhöhen: Bei einer 40-Stunden-Woche käme der junge Arbeitnehmer dann auf 1.360 Euro im Monat, selbst wenn er nicht fünf Tage in der Woche arbeitete, wären es schnell rund 1.000 Euro. Und die Ausbildungsvergütungen dürften erst mal nicht so schnell steigen. "Wir können den Auszubildenden unmöglich den Mindestlohn zahlen", sagt zum Beispiel Andreas Oehme, Geschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertags.