So nah waren sie sich noch nie: Die Sondierungsgespräche von Union und Grünen endeten drei Wochen nach der Bundestagswahl 2013 in ungekannt freundlicher Atmosphäre. Man habe sich aufeinander zubewegt, unüberwindliche Gegensätze gebe es keine mehr, bilanzierten Vertreter beider Seiten spätabends unter der Reichstagskuppel. Auch wenn sich die Unterhändler damals noch gegen eine Koalition entschieden, nährte der konstruktive Ton Hoffnungen auf Schwarz-Grün spätestens 2017.

Jens Spahn und Omid Nouripur entschlossen sich, die Gemeinsamkeit auszubauen. Während die schwarz-roten Koalitionsverhandlungen anliefen, vereinbarte der Gesundheitspolitiker Spahn von der CDU auf einem Flur im Bundestag mit seinem Grünen-Parlamentskollegen, sich regelmäßig mit Gleichgesinnten zu treffen. Sie beleben damit eine Idee aus den neunziger Jahren wieder: Damals traf sich die Pizza-Connection – jener schwarz-grüne Stammtisch um Christdemokraten wie Peter Altmaier, Hermann Gröhe und die Grüne Karin Göring-Eckardt.

Ein Ort für die Gründung des schwarz-grünen Nachfolgekreises war mit dem Berliner Restaurant Spaghetti Western schnell gefunden. In dieser Woche versammelt sich der 30 Mitglieder zählende Zirkel zum zweiten Mal im rustikalen Fichtenholz-Ambiente des Weinlokals im Stadtteil Mitte. Erstmals sind externe Fachleute geladen: Der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer und der Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, sollen mit Vorträgen die Diskussion anstoßen.

"Wir brauchen neue Optionen"

Der Kreis tagt inoffiziell. Und doch finden sich Mitglieder, die über Details reden – was wohl auch zur Strategie gehört. Denn seit die FDP aus dem Bundestag ausschied und es für Rot-Grün nur noch in den Ländern reicht, suchen Christdemokraten und Grüne nach parteinterner Zustimmung zu alternativen Bündnispartnern. Zwar sei die FDP auch weiter die erste Wahl der Union, sagt Spahn. "Aber wir brauchen neue Optionen."

Denn CDU und CSU blieben zuletzt nur die große Koalition mit der SPD – ein ungeliebtes, übermächtiges Zweckbündnis, dem auf Bundesebene derzeit die marginalisierte Opposition aus Grünen und Linken gegenübersteht. Entsprechend groß ist das Interesse der CDU an neuen Möglichkeiten: Spahn konnte sich kaum vor Anfragen für den Gesprächskreis retten, wie Teilnehmer sagen. Bei den Grünen ist der Leidensdruck nicht ganz so hoch. In mehreren westdeutschen Ländern sicherten sie sich zuletzt die Regierungsmacht – mit dem bisherigen Wunschpartner SPD. Im fast flächendeckend schwarz-rot regierten Osten blieben die Grünen aber in der Opposition.  

Die CDU sieht in dem Grünen-Manko eine Chance: Um einer Wiederauflage von Schwarz-Rot zu entgehen, flirtet in Thüringen CDU-Fraktionschef Mike Mohring mit Grünen-Spitzenkandidatin Anja Siegesmund. Dort bietet sich die nächste Chance auf Schwarz-Grün, denn im Sommer ist Landtagswahl. In Hessen regieren beide Parteien bereits gemeinsam. Mohring würde nicht zögern, dem Vorbild aus Wiesbaden zu folgen: "Den hessischen Koalitionsvertrag hätten wir in Thüringen auch unterschrieben", sagt er. Auch Spahn wirbt: "Hessen ist ein gutes Zeichen. Es gibt keinen Grund mehr, Schwarz-Grün nicht zu machen."

Die neue Strategie ist, sich alles offen zu halten – auch die Sozialdemokraten haben dies längst für sich beschlossen, um auf Landesebene neue Machtoptionen zu schaffen: Die SPD-Spitze stellte den Landesverbänden frei, auch einen Linken zum Ministerpräsidenten zu wählen, sollte es mit den Grünen nicht zur Mehrheit reichen.