Die Frau am Rednerpult strahlt rot: Hellrot ihr Kostüm, dunkelrot ihr Haar. Ihre Worte hingegen wollen nicht recht zünden. Katja Kipping, Vorsitzende der Linken, kommt an diesem Vormittag die Aufgabe zu, den Frontalangriff auf die übermächtige große Koalition zu starten. Es ist die Gelegenheit für einen großen Schlagabtausch zwischen Regierungsfraktionen und Opposition: die Haushaltsdebatte im Bundestag. Da die Regierungsfraktionen in dieser Legislaturperiode so übermächtig sind, sind derartige Debatten für die Opposition noch wichtiger als sonst.

Kipping gibt sich auch Mühe, ordentlich draufzuhauen: "Sie ignorieren die sozialen Verwerfungen in diesem Land, sie ignorieren den wachsenden Reichtum in den Händen einiger Weniger", stimmt sie das Dauer-Lamento der Linken an. Doch mitunter kippt ihre Kritik ins Skurrile. Zum Beispiel wenn sie der Regierung vorwirft, aufseiten der Rüstungsexporteure zu stehen statt auf der der Hebammen. Bei solchen Vergleichen gibt es selbst aus den eigenen Reihen kaum Beifall. Ganz zu schweigen von der anderen Oppositionsfraktion, den Grünen.

Weitgehend pointenfrei haspelt sich Kipping durch ihren Text, so schnell und teilweise so leise, dass sie kaum zu verstehen ist. Fast kommt da ein wenig Sehnsucht nach dem alten FDP-Haudegen Rainer Brüderle auf, der zu Zeiten der ersten schwarz-roten Koalition bei derlei Gelegenheiten erfolgreich den Einpeitscher gab. Fraktionschef Gregor Gysi hätte Brüderle in dieser Hinsicht sicher eher das Wasser reichen können. Doch diesmal ließ er Kipping den Vortritt.

Schwierige Rolle der Grünen

Die Grünen interpretieren ihre Oppositionsrolle grundsätzlich anders als die Linken: Statt Totalverweigerung auf den meisten Gebieten, tragen sie Teile der Regierungspolitik - zum Beispiel in der Auseinanandersetzung um die Ukraine - mit. Auch können sie es sich nicht nicht leisten, aus Prinzip dagegen zu sein. Schließlich wollen sie sich ihre Chance auf eine Regierungsbeteiligung in der kommenden Legislaturperiode nicht verscherzen, sei es unter einem CDU- oder einem SPD-geführten Kanzleramt.

Schwierig für die Grünen ist auch, dass sie mit einer komplett neuen Fraktionsspitze in die Legislaturperiode gestartet sind. Und das Führungsduo hat in den vergangenen Wochen nicht gerade reüssiert. Nett, aber unauffällig – so lautete vielfach das Urteil der Medien.

Nichts zu lachen

Deswegen ist bei dieser Generaldebatte so wichtig, was Grünen-Fraktionschefin Katrin-Göring Eckardt auf Merkel erwidert. Nun hat sie Gelegenheit, mit der Politik der Regierung abzurechnen.

Und tatsächlich hat die Grüne mehr treffsichere Spitzen im Gepäck als Kipping. Da ist zum Beispiel die Rentenpolitik: "Die Generation der unter 30-Jährigen hat bei Ihnen nichts zu lachen", hält Göring-Eckardt der Regierung vor. Mütterrente und Rente mit 63 belasteten künftige Generationen. Doch auch ihr gerät manches Bild schief, so zum Beispiel als sie beklagt, die Koalition werde wohl erst, wenn die letzte Rentenkasse geplündert sei, merken, dass man Koalitionsverträge nicht essen könne.

Göhring-Eckhardt bemüht sich so sehr, endlich mal nicht nett zu sein, dass sie an vielen Stellen einfach ein wenig zu laut wirkt. Diesmal lässt sie an der Regierung aber wirklich kein gutes Haar.

Vor allem in der Energiepolitik ist das nicht besonders glaubwürdig. Schließlich haben gerade erst grüne Ländervertreter – zum Beispiel Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann – mit der Regierung einen Kompromiss zur Energiewende ausgehandelt, auf den sie stolz sind.  

Schlecht für das Klima

Für die Bundesebene urteilt Göring-Eckardt dessen ungeachtet: "Echte Energiewenden sehen anders aus." Für die Fraktionsvorsitzende steht fest: Die große Koalition schade dem Klima, weil sie die Industrie zu sehr schone. SPD-Parteichef Sigmar Gabriel sei längst ein Genosse der Bosse geworden.

SPD-Geschäftsführer Thomas Oppermann macht hinterher schonungslos deutlich, woran Göring-Eckardts Rede auch krankte: "Sie haben so getan, als sei unser Land in einem außerordentlich schlechten Zustand", sagt er. Da habe sie an der Wahrnehmung der meisten Wähler komplett vorbeigeredet.