Manchmal, wenn Karim El-Sarraf zu einem Einsatz kommt, einem Raub, einer Messerstecherei oder einem Familienstreit, dann reden sie auf Türkisch auf ihn ein. Sie nennen ihn "Abi", Bruder. Oder sie beschimpfen ihn, nennen ihn einen Verräter: "Du bist doch auch ein Kanake, warum tust du das?" Doch Karim El-Sarraf kann kaum Türkisch, die Sprache seines Vaters ist Arabisch. Er ist nicht der "Bruder", sondern steht auf der anderen Seite, vertritt die deutsche Exekutive.

Karim El-Sarraf hat tiefbraune Augen, schwarze Haare, einen dunklen Teint – unübersehbar ausländische Wurzeln. El-Sarrafs Vater ist Ägypter, er kam vor 30 Jahren nach Berlin, arbeitete als Busfahrer, die Mutter ist Deutsche. Die Bildung ihrer Kinder war den Eltern wichtig, der soziale Aufstieg der Familie, das Einfamilienhaus am Rand von Berlin. El-Sarraf ging in Neukölln aufs Gymnasium, absolvierte seine Wehrpflicht beim Bund und machte sein Diplom bei der Polizei. Eine Musterbiografie mit Migrationshintergrund.

Karim El-Sarraf sitzt am Steuer eines blauen Einsatzwagens, auf seiner täglichen Streifenfahrt durch den Abschnitt Nr. 41 der Direktion 4. Seit drei Jahren arbeitet El-Sarraf im kleinsten Bereich der Berliner Polizei im Schöneberger Norden. Zu seinem Einsatzgebiet gehören mehrere Straßenstriche, das größte Homosexuellenviertel Europas rund um den Nollendorfplatz, der Schöneberger "Sozialpalast", ein als Brennpunkt berüchtigter Wohnblock, sowie einige Botschaften und das KaDeWe am Ku’damm. Am meisten jedoch, sagt El-Sarraf, hat er es bei seinen Einsätzen mit Migranten zu tun.

Migranten ohne Respekt

Die deutsche Polizei und die Ausländer, ein heikles Thema, das gerade durch den wütenden Brief der Polizistin Tania Kambouri wieder in den Fokus geraten ist. In der Novemberausgabe 2013 des Gewerkschaftsmagazins Deutsche Polizei beklagt Kambouri die Machtlosigkeit des deutschen Staates und ihrer ausführenden Organe gegenüber straffälligen Migranten. Oft fällt das Wort "Respekt". Die Migranten hätten keinerlei Benehmen gegenüber den Beamten, keine Achtung vor dem deutschen Staat. Täglich würden Polizisten auf der Straße beleidigt und könnten nichts dagegen unternehmen. "Wo sind wir mittlerweile gelandet?", schreibt Kambouri. Und: "Ist es schon so weit gekommen, dass die deutsche Polizei beziehungsweise der Staat sich (negativ) anpassen muss?"

Kambouri nennt ihren eigenen griechischen Migrationshintergrund als Grund dafür, diese Dinge überhaupt öffentlich aussprechen zu können. Ihr Kollegen trauten sich das nicht, weil dann wieder "die alte Leier mit den Nazis" beginnen würde. Die Deutschen hätten sich in Sachen Ausländer einen "Maulkorb" auferlegt und statt etwas laut zu kritisieren, ließen sie lieber straffälligen Migranten "alle Freiheiten".

Seit November druckt das Gewerkschaftsmagazin Zuschriften ab: die meisten von ihnen voll lobender Worte von Polizisten für die Offenheit der Bochumer Kollegin. Inzwischen trat Kambouri bei einer Podiumsdiskussion vor 450 applaudierenden Beamtinnen und Beamten auf. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger schaltete sich ein und drückte sein Bedauern aus. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte in einem Interview den Satz: "Endlich sagt es mal jemand laut." Eine kleine Sarrazin-Debatte im deutschen Polizeiwesen?

Polizisten, die selbst einen Migrationshintergrund haben, äußern sich in der Diskussion eher zurückhaltend. Man könne in Deutschland sehr offen auch unangenehme Themen diskutieren, schreibt einer im Gewerkschaftsmagazin, und kritisiert: In dieser Debatte werde zu viel mit Stammtischparolen argumentiert.

Karim El-Sarraf sagt, er könne die Kollegin in Teilen schon verstehen. Er habe ähnliche Erfahrungen mit Halbstarken gemacht, denen jede Achtung vor Autoritäten fehlt, mit Migranten in den Problemvierteln, deren Akten Dutzende Straftaten füllen. "Doch diese Probleme haben nichts mit dem jeweiligen Herkunftsland zu tun. Es ist auch ein strukturelles Problem, das Deutschland sich in den Ballungszentren selbst zuzuschreiben hat." In Deutschland stünde Resozialisierung im Vordergrund, mit der Folge, dass Straftäter oftmals außer Sozialstunden keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten haben. Manchmal dauere es Jahre, bis ein Gerichtsverfahren erfolgt, da können sich weder der Straftäter noch die Zeugen an den Delikt erinnern.