Vielleicht werden Archäologen eines Tages einen bedeutsamen Fund in Pforzheim machen: Eine riesige historische Fußgängerzone, gut erhaltene Parkhäuser und Spuren deutscher Vollbebaumung. Vielleicht werden Touristen schaudernd durch die restaurierten Handyshops und Fitnessstudios gehen. Kinder werden ihre ratlosen Eltern fragen, warum manche Menschen damals arm waren. Vielleicht wird man die Menschen unserer Zeit deswegen einmal die "Pforzheimer" nennen.

Gut, besonders wahrscheinlich ist das nicht. Doch andere Wege, mehr Besucher anzulocken, haben in dieser 120.000-Einwohnerstadt am Nordrand des Schwarzwaldes, in dieser Stadt der Gelbklinker und Funktionsbauten auch nicht wirklich funktioniert. Jeder, den man fragt, sagt: Pforzheims beste Tage sind vorbei. Wobei auch keiner so recht weiß, welche die guten Tage waren.

Der vergangene Sonntag war jedenfalls keiner. Als am Tag nach der Europawahl bekannt wurde, dass die AfD in Pforzheim ihr bundesweit bestes Ergebnis erzielt hatte, haben viele hier gestöhnt. War es Angela Merkel, die die Wähler zur AfD brachte? Oder doch wieder das Ausländerthema? 

Pforzheim war schon für viele Migranten Ende und Anfang der langen Reise nach Deutschland. Die südeuropäischen Gastarbeiter kamen, um beim Daimler zu schaffen, dann die Spätaussiedler, neuerdings die Rumänen und Bulgaren. Die Zahl der Asylbewerber in der Stadt steigt, wie sie überall steigt.

Vor Jahren begannen die ersten von heute mehreren Tausend irakischen Jesiden, sich anzusiedeln. Die meisten sind kinderreiche Analphabeten. Bis heute isolieren sie sich, auch, weil sie im Irak verfolgt wurden. Pforzheim ist mit dieser komplizierten Gruppe allein. Keine andere deutsche Stadt hat Erfahrungen mit ihnen.

Ein Stadtteil wurde zur No-Go-Area

46 Prozent der Pforzheimer sind Ausländer oder Deutsche mit Migrationsgeschichte. Eine Stadt kann das vertragen, ohne dass die Konflikte zu Vorurteilen werden. Muss sie aber nicht. Wer in Pforzheim von Zuwanderern spricht, spricht oft auch von Kriminalität. 

In Baden-Württemberg stieg die Zahl der Einbrüche 2013 um ein Drittel. In der Lokalpresse haben sie dafür mittlerweile eine eigene Rubrik eingerichtet. Im zehn Kilometer entfernten Tiefenbronn beschloss der Gastronom Theo Jost, einen privaten Sicherheitsdienst einzustellen, der jetzt durch den Ort patrouilliert. Jost saß bald darauf bei Maischberger auf dem Sofa, der baden-württembergische Innenminister Gall warnte vor der Gründung von Bürgerwehren. 

Gewann die AfD mit dem Thema Ausländerkriminalität? Fragt man den örtlichen AfD-Chef Bernd Grimmer, rutscht ihm ein "Wenn ich das wüsste" heraus. Kurz darauf kommt eine gewogene Antwort. Das sei nicht so einfach, sagt er. Viele Menschen hätten aus Protest einer anderen Kraft eine Chance geben wollen. Früher den Republikanern und den Grünen, heute der AfD.

Grimmer ist Volkswirt, Worte wie "Bandenbettelei" und "Jesiden-Nest" spricht er ohne rechten Enthusiasmus aus. Auf seiner Terrasse mit Blick über das Pforzheimer Tal macht er lieber die Weltpolitik zum Thema. Den Kampf gegen den "Aufbau eines großeuropäischen Reiches" und die westliche "Ideologie von Freiheit und Menschenrechten" in der Ukraine. 

Grimmer ist keiner der vielen Politikneulinge in der AfD. Als Parteichef Bernd Lucke noch seinen Wehrdienst ableistete, gehörte Grimmer schon der Satzungskommission der Grünen an. Das Rotationsprinzip, sagt er, habe er "mitverbrochen". Auch nach seinem Ausstieg 1991 – die Partei sei ihm zu westorientiert geworden – arbeitete er jahrelang im Stadtrat. Die AfD wird seine dritte Fraktion in Pforzheim sein. Und je länger man ihn reden hört, desto weniger will man wetten, ob es seine letzte bleibt.

Irgendwie, muss mancher Pforzheimer denken, gab es das alles doch schon mal. 1992, die Ausländer, die Rechten. Und danach die Reporter. Pforzheim hatte Ende der achtziger Jahre sein eigenes Banlieu. Oben im Stadtteil Haidach, dessen Neubauten vom Berg auf die Stadt herabstieren, hatten sich binnen weniger Jahre Tausende Spätaussiedler angesiedelt. 

Es waren meist die Familienoberhäupter, die nach Deutschland wollten, nicht ihre Kinder, die bis dahin nur auf russisch gelebt hatten. In Haidach trafen sich die Jugendlichen abends auf den Straßen, lärmten, tranken, prügelten sich. Der Stadtteil wurde den Alteingesessen zur No-Go-Area. Zur Landtagswahl 1992 erzielten die Republikaner in Pforzheim 18,6 Prozent. Auch sie holten hier ihr bestes Ergebnis.