Es geht ums Kreuz an diesem Morgen. Das Kreuz auf bayerischen Berggipfeln und das Kreuz, das die Wähler in einer Woche auf dem Stimmzettel machen sollen. Ein bisschen auch um das Kreuz mit Europa – im übertragenen Sinne.

Die Generalsekretäre von CDU und CSU sind mit ihren jeweiligen Spitzenkandidaten für die Europawahl in die Akademie der Künste in Berlin gekommen, um mit einem gemeinsamen Wahlaufruf in die letzte Wahlkampfwoche zu starten.

Schon der neutrale Ort soll deutlich machen: Es handelt sich um ein ausgewogenes Konzept, in dem keine der beiden Schwestern die andere dominiert. Die Akademie der Künste liefert zudem symbolträchtige Bilder: Durch die Fensterfront fällt der Blick auf das Brandenburger Tor und auf die Reichstagskuppel.  

Deutliche Gegensätze

Dass CDU und CSU mit unterschiedlichen Programmen in die Europawahl ziehen, hat durchaus Tradition. Selten allerdings sind die Gegensätze so deutlich geworden, wie dieses Mal. Während die CSU sich vorwiegend europakritisch gibt, und zu diesem Zweck im Wahlkampf zum Beispiel auch auf Europaskeptiker Peter Gauweiler als Wahlkämpfer setzt, ist die CDU bemüht, die Notwendigkeit der EU und ihre Vorteile für Europa hervorzuheben.

Auf viel Konkretes hat man sich deswegen auch nicht einigen können. Auf das vollmundige Bekenntnis zu Europa folgt in dem gemeinsamen Wahlaufruf die Ablehnung von EU-Steuern und einer Vergemeinschaftung von Schulden. Außerdem bekennen sich die Unionsparteien zwar zur Freizügigkeit in Europa, fügen aber auch hinzu: "Einem Missbrauch werden wir entgegentreten".  

Dass dieses Thema es überhaupt in den kurzen Wahlaufruf geschafft hat, dürfte ein besonderes Anliegen der CSU gewesen sein. Schließlich hatte die Partei Anfang des Jahres eine Debatte über Armutszuwanderung losgetreten. In dieser abgeschwächten Formulierung findet sich diese Forderung aber auch im CDU-Programm.

Ein anderes Thema spielt dagegen im Wahlaufruf keine Rolle, wohl aber bei dessen Vorstellung. "Ein Europa, das seine geistigen Wurzeln neutralisiert, wird es mit uns nicht geben", donnert CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer in den Raum. Und CSU-Spitzenkandidat Markus Ferber bekräftigt: "Wo christliche Symbole zu sehen sind, ist keine Frage, die in Europa einheitlich geregelt werden muss."

Kampf ums Kruzifix

Tatsächlich hat der Spitzenkandidat der europäischen Sozialisten Martin Schulz bei einer TV-Diskussion in der vergangenen Woche der CSU eine Steilvorlage geliefert. Schulz bekannte sich dort zu religiöser Neutralität im öffentlichen Raum. Seither warnt die CSU, Europa wolle unter Schulz' Führung Kruzifixe in Klassenzimmern und auf Berggipfeln verbieten.

Es scheint, als hätte der Wahlkampf ganz zuletzt nun doch noch ein emotionales Thema gefunden, das möglicherweise mobilisierend wirken könnte. Denn nichts fürchten die Unionsparteien mehr, als dass ihre Wähler gar nicht erst wählen gehen.