Am Montagmorgen war er plötzlich wieder da, der alte aggressive Sigmar Gabriel. Der SPD-Chef und Vize-Kanzler stand im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale, und schimpfte:  "Was die Union da veranstaltet, ist eine böse Verunglimpfung."

Eigentlich passt dieser Ton so gar nicht mehr zum neuen Gabriel, der sich längst gut eingefunden hat in das Bündnis mit Kanzlerin Merkel und ihrer Union, der kaum noch poltert und lieber allen die Energiewende zu verkaufen versucht. Nun ist der Europa-Wahlkampf aber doch noch nach Deutschland in die große Koalition hineingeschwappt. Und während Merkels CDU die Aufregung eher wegzudrücken versucht, haben CSU und SPD offenbar große Freude daran, endlich mal wieder miteinander streiten zu können.

Angefangen hatte am Wochenende Markus Ferber, der Spitzenkandidat der CSU für Europa, der bis dahin ziemlich unsichtbar war. Er sagte über den SPD-Kandidaten Martin Schulz: "Die Fassade und die Person stammen zwar aus Deutschland. Aber die Stimme und die Inhalte stammen aus den Schuldenländern." Und weil Schulz nach den Flüchtlingstragödien vor Lampedusa gesagt hatte, jeder Afrikaner, der europäischen Boden erreiche, müsse hier willkommen sein, nannte Ferber ihn einen "Geschäftsführer der Schlepperbanden".

Provokationen, wie man sie von der CSU gewohnt ist. In den heißen Phasen von Wahlkämpfen schärft sie regelmäßig ihren Ton so an, dass sich die Gegner empören und ihre Anhänger nur noch fester zur CSU stehen – nur, dass diesmal der Gegner gleichzeitig Koalitionspartner ist.

Endlich mal Aufmerksamkeit

Die SPD macht trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, gerne mit. So kann sich sie endlich mal wieder absetzen von der Union und ihre Wähler daran erinnern, dass ihr Herz doch viel weiter links schlägt, als sie es im Alltag dieser großen Zweck-Koalition zeigen kann. Der zweite Grund: Der Europawahlkampf ist bisher arm an aufmerksamkeitserzeugenden Konflikten, das TV-Duell von Schulz und seinem konservativen Gegenkandidaten Jean-Claude Juncker geriet eher zum TV-Duett. 62 Prozent der Deutschen interessieren sich gar nicht oder kaum für die Wahl. Dabei ist sie gerade für die deutschen Sozialdemokraten so wichtig. Mit einem Kommissionspräsidenten Schulz könnten sie der Kanzlerin auf europäischer Bühne einen echten Gegenspieler gegenüberstellen.

Nach Gabriels Konter trat also am Montagmittag Generalsekretärin Yasmin Fahimi vor die Presse und legte noch mal nach, ohne, dass sie überhaupt jemand nach der CSU gefragt hätte. "Unerträglich" finde sie die Äußerungen, "unsäglich" und "selbst für die CSU ein Tiefpunkt". Mit "solchen Entgleisungen  betreibt die CSU das Geschäft der Rechtspopulisten in Europa", schimpfte Fahimi.