Vordergründig ist es ein Abend der Superlative für die SPD. Noch nie hat die Partei bei einer bundesweiten Wahl einen solch großen Zuwachs erzielt wie bei dieser Europawahl. Im Willy-Brandt-Haus gibt es keinen Spitzengenossen, der nicht auf diese Statistik hinweist. Immer wieder. In jede Kamera. So viel ist sicher: Diesen Erfolg, diese gut sechseinhalb Prozentpunkte mehr als 2009, kann der SPD keiner nehmen.

Fragt sich nur, was das tatsächlich wert ist. Hat sich der Stellenwert der SPD im Koalitionsgefüge wirklich nachhaltig verändert? Und: Wird sie ihr Wahlziel wirklich erreichen? Beides ist unwahrscheinlich.

Denn schließlich kommt die SPD von ganz unten. Das Wahlergebnis von 2009 war ein historischer Tiefpunkt in einer ganzen Reihe von historischen Tiefpunkten. Diesen Trend hat sie seit ein paar Wahlen umgekehrt, aber immer noch auf recht niedrigem Niveau. Der Abstand zur Union auf Bundesebene ist seit Jahren stabil. Die Genossen wissen das natürlich. Ihr Jubel wirkt auch deshalb keineswegs euphorisch.

Organisierter Jubel bei der CDU

Auch bei der CDU freut man sich eher bemüht. 35,6 Prozent, das ist der niedrigste Wert, den die Union je bei einer Europawahl erreicht hat. Die symbolisch wichtige 40-Prozent-Marke, die die Christdemokraten bei der vergangenen Bundestagswahl wieder überschritten hatten, ist weit weg.

Generalsekretär Peter Tauber gibt trotzdem den Sieger. "Wir haben diese Wahl gewonnen", brüllt er im Foyer der Parteizentrale und wird dafür von seinem Wahlkämpferteam beklatscht, sogar bejubelt. Die Reaktion auf die erste Prognose, die bereits fast die gleichen Zahlen bot, war da noch ehrlicher ausgefallen. Sie war von den Mitarbeitern und Anhängern vollständig schweigend zur Kenntnis genommen worden.

Kleinstmöglicher Wahlsieg

Nun konzentrieren sich Tauber und McAllister, die Spitzenkandidaten der CDU, auf die eine Botschaft: "Wir sind wieder stärkste politische Kraft in Deutschland geworden." Als wäre das nicht ohnehin klar gewesen.

Mit einer Mischung aus Besorgnis und Schadenfreude schaut die CDU an diesem Abend auf die Schwesterpartei. Der CSU nämlich ist ihr betont eurokritischer Wahlkampf noch weit schlechter bekommen als der CDU ihre proeuropäische Linie. Sie verlor im Vergleich zur Europawahl acht Prozentpunkte und liegt mit nur noch 40 Prozent sogar unter ihrem traumatischen Ergebnis der bayerischen Landtagswahl 2008. Der CSU-Vize und  Eurokritiker Peter Gauweiler, der im Wahlkampf eine herausgehobene Rolle gespielt hat, hatte das CDU-Wahlprogramm mit "nassen Streichhölzern" verglichen, doch offensichtlich hat die CSU-Strategie erst recht nicht gezündet.

Vor allem für CSU-Chef Horst Seehofer ist der Ausgang ein Problem: Sein Nimbus, die CSU zu alter Stärke zurückzuführen, ist erst mal dahin. Zumal auch die Kommunalwahl im März nur durchwachsen ausgefallen war. Die Nachfolgediskussionen dürften nun früher losgehen als geplant.

Die SPD geht mit der AfD anders um

Eher positiv bewertet man in der CDU-Zentrale dagegen das Abschneiden der Alternative für Deutschland. Diese habe doch "nur 6,5 Prozent" geholt. "Die Alternative für Deutschland wird eine vorübergehende Geschichte sein", prophezeit Europa-Parlamentarier Elmar Brok. Die Wähler der AfD seien vor allem von der FDP gekommen, glaubt man bei der Union. 

Die SPD geht mit der AfD anders um: offensiver und konfrontativer. Ein emotionaler Höhepunkt auf der SPD-Party jedenfalls ist es, als Bernd Lucke im Fernsehen vom "Frühling in Deutschland" schwärmt. Die Genossen buhen, pfeifen, spotten.

Auch die SPD-Spitze sieht in der AfD keine direkte Konkurrenz, sondern viel eher einen, in dramaturgischer Hinsicht durchaus willkommenen, neuen Gegner. Steinmeier, Gabriel und andere hatten im Wahlkampf "die Populisten" scharf angegriffen. Das schweißt die Basis zusammen, wenngleich die Strategie mitunter selbst schon populistische Züge hatte. Die CDU ignorierte die AfD dagegen so gut es ging, während die CSU versuchte, ihre Positionen teilweise aufzunehmen.