Offene Worte hat es bisher nicht gegeben. Aber ein Raunen ging schon durch die Reihen der Gesundheitspolitiker, als kurz vor Weihnachten klar wurde, wer bis 2017 den stellvertretenden Vorsitz im Gesundheitsausschuss des Bundestages erhält. Vorgeschlagen wurde dafür von seiner Fraktion der Aachener CDU-Abgeordnete Rudolf Henke. Der bestens vernetzte Unionsmann sitzt damit an entscheidender Stelle, wenn es um Gesetze und Veränderungen im Gesundheitsbereich geht.

Die Personalie hat selbst manchen in der Union Bauchgrimmen beschert.

Denn Henke ist nicht nur Abgeordneter. Der studierte Mediziner ist gleichzeitig einer der wohl einflussreichsten Ärztelobbyisten in Deutschland. Der 59-Jährige ist auch Chef der Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund (seit 2007) und Präsident der Ärztekammer Nordrhein (seit 2011). Hinzu kommen etliche weitere gut bezahlte Posten, unter anderem im Ärztebeirat der Allianz und der Deutschen Ärzteversicherung.

Wobei die Nebeneinkünfte das geringste Problem sind. Schließlich legt Henke, wie alle Abgeordneten, seine Einnahmen aus der Lobbytätigkeit offen. Im Internet kann jeder nachlesen, wer ihm dafür wie viel Geld bezahlt. 156.000 Euro im Jahr sind es den Angaben zufolge mindestens.

Kollegen beschweren sich: Es gebe "keine Vertraulichkeit mehr"

Die Frage nach der Kollision von Interessen aber ist damit nicht beantwortet. Am Fall Henke stellt sie sich besonders. Kaum ein anderer im Bundestag engagiert sich in derart herausgehobener Position so für das Wohl von Ärzten und privaten Krankenversicherern. Und als Ausschussvize muss Henke nicht nur über jeden gesetzgeberischen Schritt frühzeitig informiert werden. Er ist auch in vertraulichsten Runden mit Ministern dabei. Das sei, als würde die Bundesärztekammer "immer mit am Tisch sitzen", klagt einer aus dem Ausschuss. Durch Henke gebe es dort "keinerlei Vertraulichkeit mehr". Die Mediziner erführen nun genau, wer intern welche Position vertrete – und könnten entsprechend mobil machen. Persönlich, durch gezielte Ansprache oder Beschwerde, und öffentlich.

 In Krankenkassenkreisen sind sie über all dies schwer vergrätzt. Man betrachte es "mit Sorge, dass ein Cheflobbyist der Ärzte direkt beim Entstehen von Gesetzen dabei ist", heißt es. Und dass es nicht sein könne, "dass einer seine Jobs, bei denen es um Partikularinteressen geht, nicht aufgibt, obwohl er gleichzeitig Gemeinwohlinteressen zu vertreten hat". Einer seiner Aufgaben könne Henke "zwangsläufig nicht gerecht werden".

Auch Parteifreunde kritisieren den Abgeordneten - anonym

Anonym äußern auch Unionsabgeordnete ihren Ärger. Henkes Entscheidung sei "unklug" gewesen, sagt einer der nicht Unwichtigen. Denn unabhängig davon, ob Henke seinen Posten tatsächlich "verwerten" könne: Es dürfte "gar nicht der Anschein entstehen, dass er als Verbandsvertreter durch seine politische Tätigkeit einen Informationsvorsprung hat". Allerdings sei das eher Henkes Problem als das der Partei. "Er bringt sich dadurch um ein Stück politischer Reputation."

Dass Henkes Beförderung zu unangenehmen Nachfragen führen könnte, war bei der Postenvergabe Mitte Dezember in der Fraktionsführung bekannt. Offen thematisiert wurde es aber nicht. In der sogenannten "Teppichhändlerrunde" setzt regelmäßig zu Beginn der Legislatur ein hochkompliziertes Hin- und Herschieben von Posten und Pöstchen ein. Dabei müssen alte Zusagen aus Parteiführungen, regionale Interessen und Landesgruppeneinflüsse beachtet werden.