So läuft es auch jetzt wieder, vor dem Treffen der Staats- und Regierungschef an diesem Donnerstag und Freitag in Brüssel. Angeblich wollen die Italiener und Franzosen die Sparpolitik in Europa aufweichen, um hemmungslos neue Schulden machen zu können – und angeblich werden sie dabei von Sigmar Gabriel unterstützt. Die Länder des Südens erpressen die Kanzlerin, und auf den Vizekanzler und SPD-Chef ist auch kein Verlass – das ist die Erzählung dieser Woche.

Tatsächlich spricht Gabriel nur aus, was Merkel hinter den Kulissen bereits zugestanden hat (und was auch zwischen Gabriel und Finanzminister Wolfgang Schäuble besprochen wurde): Gehen Frankreich und Italien wirklich harte Reformen an, sollen sie im Gegenzug mehr Zeit bekommen, um ihre Schulden zu reduzieren. Dazu bräuchte es auch keine Änderung der im Stabilitätspakt festgeschriebenen Schuldenregeln. Denn so flexibel, wie alle – auch Merkel – es wollen, ist der Pakt längst.

Gabriel sagt also, was Merkel nur denkt. Und da es in Brüssel keine weitergehenden Änderungen an den europäischen Schuldenregeln geben wird, steht die Kanzlerin auf dem Gipfel garantiert als Gewinnerin da.

Merkel erzählt Geschichten, von denen sie weiß, dass die Deutschen sie hören wollen. Alles vom Ende her zu denken, ist auch so eine Geschichte. Dabei bedeutet es für Merkel im politischen Alltag, ex ante immer so wenig zu sagen, dass sie ex post wirklich alles erklären kann.

Wie stellt man die Kanzlerin?

Für die Opposition macht es das schwer. Wie will man eine Politikerin angreifen, deren Beliebtheit sich auch daraus erklärt, im Nachhinein immer Recht gehabt zu haben? Wie stellt man die Kanzlerin?

Wir Journalisten könnten das, weil wir anders arbeiten als Politiker. Aber auch das ist eben nur Theorie, weil wir Journalisten sehr häufig auch nur Getriebene sind – und es dann sehr viel einfacher ist, jene Geschichten zu erzählen, die alle erzählen. Merkels Geschichten.

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ging meine ZEIT-Kollegin Heike Faller der Frage nach, warum nur wenige Journalisten die Krise hatten kommen sehen. Für diesen Essay wurde sie später als "Journalistin des Jahres" ausgezeichnet. "Journalisten suchen übrigens nicht nach der Wahrheit, sondern nach Geschichten", schrieb sie damals. Das ist natürlich ein ungeheurer Satz, den man nicht einfach mal so in die Welt setzen sollte. Aber dahinter steckt eben auch eine tiefe Einsicht, die nicht nur für die Wirtschaftsberichterstattung gilt, sondern für die Medien insgesamt. Auch wir Journalisten erzählen mitunter das, von dem wir glauben, dass unsere Leser, Hörer, Zuschauer es genau so haben wollen.