Muss Deutschland mehr internationale Verantwortung übernehmen, auch durch vermehrte Bundeswehreinsätze in Konfliktregionen? ZEIT ONLINE hat Experten und Politiker aller Bundestagsparteien eingeladen, sich an der von Bundespräsident Joachim Gauck angestoßenen Debatte zu beteiligen.

82 Prozent der Deutschen befürworten, dass deutsche Soldaten zur Abwendung eines Völkermordes eingesetzt werden können. Das ergab eine Umfrage von TNS infratest vom April/Mai im Auftrag der Körber-Stiftung. Mehr als 60 Prozent stimmen auch zu, dass sich die Bundeswehr an friedenserhaltenden Maßnahmen, die international beschlossen wurden, beteiligt. Wo also liegt das Problem, das Bundespräsident Joachim Gauck und alle jene haben, die mehr Bereitschaft zu militärischem Engagement einfordern? Was bezwecken sie eigentlich?

Richtig ist freilich auch, dass nur 13 Prozent der Befragten mehr Militäreinsätze wünschen, vier Fünftel sind dagegen. Darin drückt sich zum einen aus, dass die Deutschen – immer noch geprägt durch unsere Kriegsgeschichte im 20. Jahrhundert – die Anwendung militärischer Gewalt grundsätzlich verabscheuen. An dieser pazifistischen Grundstimmung, die sich offenkundig in das Kollektivbewusstsein eingegraben hat, kann ich nichts Schlechtes finden. Oder wollen wir zu denjenigen gehören, die nichts aus der unheilvollen Geschichte des letzten Jahrhunderts gelernt haben?

Zum anderen dürfte das Unbehagen über die Bundeswehreinsätze der letzten 20 Jahre und die Skepsis über das damit Erreichte eine große Rolle spielen. Dies als "Vermittlungsproblem" abzutun, ist verantwortungslos. Auch hier scheinen die Bürger weiter zu sein als die Vertreter der politischen Klasse, die nahezu ungebrochen einen militärischen Interventionismus propagieren.

Interventionen stoppen nicht die Gewalt

Die Forderung, endlich eine schonungslose kritische Bilanz der bisherigen Militäreinsätze vorzulegen, ist bis heute nicht eingelöst. Einiges wissen wir jedoch. Zum Beispiel, dass kriegerische Eingriffe von außen den Zerfall von Staaten und die Gewalteskalation noch befördern können. Das kann man in Libyen, Syrien und nicht zuletzt im Irak studieren. Warum verschließen diejenigen, die auf mehr Militäreinsätze drängen, davor die Augen?

Dass die Versuche, Nationen oder Staaten durch militärgestütztes Eingreifen von außen neu aufbauen zu wollen (state-building), ziemlich daneben geraten sind, gehört ebenfalls zu den Einsichten der letzten Jahrzehnte. In Europa und den USA hat es Jahrhunderte gedauert, bis sich Demokratien herausgebildet und sich gesellschaftliche Kräfte des Fortschritts gegen alte Beharrungskräfte durchgesetzt haben. Eine solche Entwicklung kann nicht durch Entsendung von Soldaten oder Regierungsbeamten im Eilverfahren "implementiert" werden.

Es reicht auch nicht, wenn jetzt etwas weitsichtigere Politiker formulieren, dann müsse man eben kleinere Brötchen backen. Der gesamte dahinterstehende paternalistische Denkansatz ist falsch: Befreiung und Befriedung müsse von innen kommen, und dann reden wir darüber, wie man die Akteure nachhaltig, die eigenen Verstrickungen reflektierend, unterstützen kann.

Last but not least: Der "Krieg gegen den Terror" hat sich eher als Terrorförderungsprogramm erwiesen. Wenn die Mittel, die namentlich die USA in die militärische Bekämpfung terroristischer Gruppen gesteckt haben, in zivile Aufbauprogramme geflossen wären, ob in Pakistan, Afghanistan oder im Nördlichen Afrika, hätte man etwas erreichen können. So sind die Terrorgefahren nur gewachsen.