In der Diskussion zeigte sich, dass die Genossen zwar stolz sind auf ihren Außenminister und seine unermüdlichen Bemühungen, den Ukraine-Konflikt zu deeskalieren, dass sie aber über die künftige außenpolitische Rolle Deutschland keineswegs einig sind. Stegner fasste es so zusammen: In der Partei gebe auf der einen Seite "extreme Pazifisten", auf der anderen Seite Anhänger einer pragmatischen Politik, und zum Dritten solche, die bei der Verletzung von Menschenrechten eingreifen wollten. Es sei daher gut, "dass wir es uns kompliziert machen".

Steinmeier formulierte es schärfer: Die einen säßen "moralisch hoch zu Ross" und wollten Frieden herbei befehlen. Andere verfolgten eine amerikanische "Hau-drauf"-Haltung. Am gefährlichsten jedoch seien diejenigen, die meinten, "Was haben wir damit zu tun? Man kann ja doch nichts machen!" Damit bezog er sich freilich weniger auf seine Partei als auf die schwarz-gelbe Vorgängerregierung.

Die Mitglieder interessierten aber mehr konkrete Fragen. Ob die hohen deutschen Rüstungsexporte nicht dem zivilen Anspruch der neuen deutschen Außenpolitik widersprächen. Ob es in Europa bald Drohnen und eine gemeinsame Armee geben werde. Und ob die EU die Ukraine durch das Assoziierungsabkommen nicht zu früh an sich gebunden und damit Russland provoziert habe.

Egon Bahr irritiert

Am Schluss gab Egon Bahr, der SPD-Altmeister der Aussöhnung mit der Sowjetunion, einen Einblick in die alte westdeutsche Außenpolitik. Stegner hatte zu Beginn einen Ausspruch von Willy Brandt als noch immer geltendes sozialdemokratisches Leitmotto zitiert: "Frieden ist nicht alles. Aber ohne Frieden ist alles nichts." Bahr, Brandts engster Vertrauter, leitete daraus ab, dass Frieden vor Demokratie, Freiheit und Menschenrechten gehe.

Da reagierte selbst der Parteilinke und Pazifist Stegner irritiert, obwohl er wie viele Genossen Militäreinsätzen, die mit der Verhinderung von Völkermorden und dem Durchsetzen einer demokratischen Ordnung wie in Afghanistan begründet werden, sehr skeptisch gegenübersteht. Die Welt hat sich seit Bahrs Zeiten und der Zeitenwende von 1989/90 rasant gewandelt. Die SPD scheint, wie die deutsche Außenpolitik, noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit.