ZEIT ONLINE: Bei der Europawahl hat jeder fünfte Wähler für eine EU-kritische Partei gestimmt. Hat Europa seine Anziehungskraft verloren?

Ulrich Beck: Das muss man eindeutig feststellen. Auch sozialwissenschaftliche Untersuchungen belegen das. Sie zeigen aber gleichzeitig ein Paradox: Auch in Großbritannien, Frankreich und den anderen Ländern, in denen die Euro-Kritiker und -gegner stark sind, ist die Europäisierung für die Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden. Sie nutzen die Mobilität in der EU, sie haben Freundschaften über Grenzen hinweg. Das übersetzt sich aber nicht in eine proeuropäische Haltung. Im Gegenteil. Es geht einher mit einer Ablehnung der Brüsseler Politik. Die Europäisierung als ein Prozess der Umgestaltung und Entwertung der Nationalstaaten, getragen von den Eliten, findet immer weniger Rückhalt.

ZEIT ONLINE: Was sind die Gründe dafür?

Beck: Die Gründe sind vielfältig. Zunächst mal ist es gar nicht so klar, was Europa eigentlich ist. Es ist keine Nation, kein Staat, es definiert sich vor allem aus dem, was es nicht ist. Deshalb fällt es den Menschen schwer, sich dazu zu bekennen. Europa als solches gibt es eigentlich gar nicht. Es gibt nur einen Prozess der Europäisierung, neue politische Institutionen entstehen, andere verändern sich, Ausländer werden Inländer. Dieser Prozess war die Antwort auf historische Herausforderungen, den Holocaust und den Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges. Aber er hat sich dann immer mehr verselbständigt. Ohne ausdrückliche Zustimmung der Bevölkerung entwickelte sich die Politik Schritt für Schritt aus den Nationalstaaten heraus ...

ZEIT ONLINE: ...und der Prozess geht gerade im Streit um den neuen Kommissionspräsidenten weiter.

Beck: Ja, aber auch jetzt vollzieht sich die Europäisierung wieder allenfalls halbbewusst. Vor allem die Sozialdemokraten haben versucht, die Europawahl zu demokratisieren, indem man Spitzenkandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten aufstellte. Dadurch bekommt dieses Amt nun auf einmal eine ganz andere Legitimation und Bedeutung. Das trifft auf Widerstand im Rat der demokratisch gewählten Regierungschefs, deren Verhandlungsspielraum dadurch eingeschränkt wird; mehr noch: deren Entscheidung in Sachen Kommissionspräsident als intransparent und undemokratisch sichtbar wird. Wir erleben also einen Konflikt der zwei Demokratien – zwischen der Demokratie auf der europäischen und der nationalen Ebene.

ZEIT ONLINE: Es geht auch um Macht, zwischen dem Europäischen Parlament und den Regierungschefs.

Beck: Aber das hat vorher keiner so kalkuliert. Nun muss dieser Entwicklungssprung der Demokratisierung vollzogen werden. Es bleibt gar keine Alternative, als den gewählten Kandidaten Jean-Claude Juncker zum Präsidenten der EU-Kommission zu machen. Wenn die Regierungschefs jemand anderen, der gar nicht zur Wahl stand, vorschlagen, wäre das ein Attentat auf die Demokratie in Europa. Dann würde in Zukunft kaum noch jemand zur Wahl gehen. Das bedeutet aber auch, dass der Europäische Rat, also auch Angela Merkel, ein Stück entmachtet werden. Genauer: Sie muss sich mit der Wahl von Juncker selbst entmachten. Dieser Demokratisierungsschub, der ein weiterer Schritt der Europäisierung bedeutet, war nicht geplant, er hat sich eher zufällig aus der Wahl ergeben. 

ZEIT ONLINE: Obwohl das Wahlergebnis ja von vielen eher als Erfolg der Antieuropäer gedeutet wurde.

Beck: Ja, das ist die Überraschung dieser Wahl. Es tut sich plötzlich ein Fenster auf für ein bedeutendes Mehr an Demokratie in der EU, das von niemandem so intendiert war. Das nannte Hegel "List der Vernunft".

ZEIT ONLINE: Könnte diese Demokratisierung und Parlamentarisierung der EU die Zweifel der Euro-Skeptiker verringern?

Beck: Das glaube ich nicht. Europa ist für viele immer noch ein Eliteprojekt. Wir haben zwar nationale Bürger, als solche werden sie geboren und sozialisiert. Aber wir haben keine europäischen Bürger. Es gibt sie nur auf dem Papier, zum Teil in der Erfahrung einzelner Gruppen. Aber es ist eine andere Form der politischen Partizipation, als wir sie in den Nationalstaaten kennen. Entscheidend wäre daher, den europäischen Prozess so umzugestalten, dass die Bürger ihn als ihren eigenen begreifen. Ihre Teilhabe darf sich nicht auf Sonntagsreden beschränken, wir müssen ein Europa von unten, ein Europa der Bürger schaffen.