Guido Westerwelle startet derzeit in sein neues Leben. Der Ex-Außenminister lädt ausgewählte Gäste an den Berliner Kurfürstendamm, um seine neue Stiftung vorzustellen. Die Westerwelle Foundation hat sich zum Ziel gesetzt, Selbstständige auf der ganzen Welt beim Existenzaufbau zu unterstützen. Diese Woche war in den schmucken Stiftungsräumen ein Kurzreferat des ehemaligen US-Botschafters in Deutschland, Philip Murphy, zu hören. Er warb für das umstrittene Freihandelsabkommens TTIP, das die Europäische Union gerade mit den USA verhandelt. Das, so Murphy, käme vor allem dem deutschen und amerikanischen Mittelstand zugute.

In der erlesenen Zuhörer-Runde saß, als einziger aktiver Parlamentarier, der Grüne Dieter Janecek. Die Stimmung war freundlich, Janecek wurde von den amerikanischen Gästen wegen seines Abgeordnetenstatus mit "Exzellenz" angesprochen. Niemand rügte ihn dafür, dass seine Partei gerade mit einer ziemlich linken Kampagne gegen das TTIP in den Europawahlkampf gezogen war. 

Westerwelle und Janecek begegnen sich mit einigem Respekt, was für einen FDP-Mann und einen Grünen ungewöhnlich ist. Dass Janecek von dem Ex-FDP-Chef eingeladen wurde, hat natürlich auch damit zu tun, dass der Grüne immer wieder versucht, sich als rechter Wirtschaftspolitiker zu profilieren – auch in der eigenen Partei. So hat Janecek stets die Notwendigkeit eines Freihandelsabkommens mit den USA betont.

Zwei Parteien für die Besserverdienenden

Der 38-jährige Bayer lebt auch bei den Grünen gut mit dem Ruf, ein Freidenker von Rechtsaußen zu sein. Er koordiniert inzwischen die Realo-Politiker seiner Fraktion und der Landesverbände, obwohl er erst im Herbst in den Bundestag gewählt wurde und vorher eher unbekannt war.

Natürlich gehörte Janecek daher auch zu den Vertretern der Grünen, die am Pfingstwochenende forderten, das Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag zu nutzen – und endlich "konsequent für echten Wettbewerb einzutreten", wie es der Bayer formulierte. Ein erstaunlicher Satz für einen Grünen. Schließlich hat die Öko-Partei den "kalten Kapitalismus" der FDP stets beklagt. Tarek al-Wazir, der grüne Wirtschaftsminister in Hessen und ein Realo-Mitstreiter Janeceks, fügte hinzu:  Mit ein wenig mehr Freiheitspolitik könnten die Grünen problemlos den ein oder anderen enttäuschten Wähler der FDP für sich gewinnen. Liberale Politiker konterten dies mit dem Vorwurf, die Grünen wollten sich als "Erbschleicher" betätigen. 


Dabei wissen Al-Wazir und Janecek beide sehr gut, dass in den vergangenen Jahren laut Erhebungen kaum je ein Wähler von den Liberalen zu den Grünen gewandert ist – und umgekehrt. Ganz abgesehen davon, dass die "Verbotspartei" Bündnis 90/Grüne bis heute das Spottobjekt führender FDPler ist – die Kritik an den Grünen liegt dem Liberalen quasi in der DNA. Gemeinsam ist beiden Parteien laut dem Forscher Franz Walter nur, dass sie vor allem von Besserverdienenden gewählt werden.

Die Realpolitiker schielen daher wohl auch weniger auf die FDP als darauf, die Grünen in Zeiten der innerparteilichen Orientierungslosigkeit und Führungsschwäche weiter dorthin zu hieven, wo sie sie haben wollen: in die politische Mitte. Außerdem wollen die Realos den linken Parteiflügel triezen. Flügelkämpfe sind nach wie vor modern bei den Grünen und die Partei-Linke ist durch die Schlappe bei der Bundestagswahl geschwächt. Die wollte bekanntlich der Alt-Kommunist Jürgen Trittin mit einem sehr linken Steuerkonzept gewinnen, was daneben ging. Einen Rollback der grünen Steuerpolitik haben die grünen Realos bisher allerdings noch nicht durchgesetzt.

Janecek und seine Mitstreiter wittern also nun nach einigen Monaten des Darbens ihre Chance. "Was mich tief im Herzen bewegt: Wie bringen wir Ökologie und Ökonomie endlich konsequent zusammen?", schreibt der Bundestagsabgeordnete auf seiner Homepage. Er will, dass seine Partei endlich für mehr Wettbewerb eintritt – ökologisch nachhaltig natürlich. Und auf den "Staatsdirigismus" verzichtet.