Wo Wulff Recht hat – Seite 1

Ist Christian Wulff bitteres Unrecht geschehen? Ist der ehemalige Bundespräsident von einer Medienmeute, im Verein mit einer verfolgungssüchtigen Staatsanwaltschaft, 2012 aus dem Amt gejagt worden – ohne Grund, aus niederen Motiven? Seit seinem Rücktritt und erst recht seit dem Freispruch in diesem Februar hat sich die Affäre Wulff zur Medienaffäre verwandelt.  

Einige führende Journalisten wie Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung, Hans-Ulrich Jörges vom stern und ZEIT-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo haben diese Fragen für sich schon vor einiger Zeit beantwortet: Sie geißelten eine selbstherrliche, übertriebene Skandalisierung ebenso wie "Ermittlungsexzesse" der Justiz, und forderten ein Nachdenken des eigenen Berufsstandes.

In seinem Buch Ganz oben, ganz unten teilt das vermeintliche Opfer nun selbst kräftig aus. Wie schon bei der Vorstellung des Buchs rechnet er vor allem mit der Bild-Zeitung und deren Chefredakteur Kai Diekmann sowie Springer-Chef Mathias Döpfner ab, aber auch mit anderen Zeitungen und Journalisten. Sein zentraler Vorwurf: Schon seit seiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten habe es eine gemeinsame Kampagne einiger Medien gegen ihn gegeben, namentlich des Springer-Verlags, des Spiegel und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für die ehemaligen Linken, die in vielen Pressehäusern heute das Sagen hätten, sei er einer aus dem falschen Lager gewesen, gerade im Vergleich zum damaligen rot-grünen Gegenkandidaten Gauck. Konservativ-bürgerliche Blätter wie die FAZ hätten ihn dagegen abgelehnt, weil er für eine "bunte Republik" und die Integration der Muslime eingetreten sei. Ein Präsident, von beiden Flügeln des politisch-medialen Spektrums in die Zange genommen: so sieht Wulff es.

All das, was später über seine Amtsführung, seine Reden, vor allem aber über sein Privatleben geschrieben worden sei, habe nur das Ziel gehabt, ihn aus dem Amt zu entfernen. Und Gauck doch noch zum Bundespräsidenten zu machen. Nur weniger aufrechte Journalisten hätten sich dem widersetzt.

Islam-Freundlichkeit als Motiv?

In der Tat sind die Schilderungen Wulffs beeindruckend, auf welche Weise ihm vor allem Bild immer wieder mit Berichten über private Urlaube, die Vergangenheit seiner Frau oder sein Verhältnis zu einzelnen Unternehmern zusetzten. So beschreibt er etwa, wie die Welt am Sonntag anlässlich seines einjährigen Amtsjubiläums ausführlich über sein schwieriges Verhältnis zu seiner Stiefschwester berichtete. Als Leser des Buches bekommt man eine Ahnung davon, wie schwer so etwas auszuhalten ist, selbst für einen erfahrenen Berufspolitiker. Erst recht, als die Beschuldigungen nach dem Beginn der eigentlichen Affäre Ende 2011 immer heftiger und zahlreicher wurden.

Fraglich ist allerdings, ob Wulff Recht hat mit seinen Vermutungen über die Motive der Medien-Angriffe auf ihn. Für ihn waren sie im Wesentlichen Folgen seiner Rede zum 3. Oktober 2010, in der er erklärt hatte, "der Islam gehört auch zu Deutschland". Bild-Chefredakteur Kai Diekmann habe ihn einige Tage zuvor bei einem gemeinsamen Frühstück, das schon Wulffs Frau Bettina in ihrem Buch beschrieben hatte, versucht davon abzubringen. Wulff aber blieb dabei und wurde danach von Bild und FAZ gemeinsam angegriffen. Die Zeitungen hätten versucht, die Öffentlichkeit gegen ihn und die Integration der Muslime aufzubringen.

Überhaupt habe er kein enges Verhältnis zur Bild gehabt, vielmehr ein schwieriges: weil er der Zeitung nicht mehr über sein Privatleben mit der neuen Ehefrau Bettina habe erzählen wollen. Später sei es dann noch schlechter geworden, als der Bundespräsident Wulff der Boulevardzeitung keine exklusiven Interviews gab. Das sei der Hauptgrund für die Kampagne. Diekmann habe "seine Leute ausschwärmen" lassen, bis sie mit Fragen zur Finanzierung seines Hauses in Großburgwedel scheinbar fündig wurden."In der Wahl der Mittel zu meiner Bekämpfung kannte Springer kein Pardon", schreibt Wulff. 

Übetriebene Skandalisierung

Wulff schildert noch einmal seinen berüchtigten Mailbox-Anruf bei Diekmann, den er als "unverzeihlichen Fehler" bezeichnet, weil er dem Bild-Chefredakteur damit "einen Köcher voller Pfeile" frei Haus geliefert habe. Und wie der den Inhalt dann an andere Medien streute, damit die ihn veröffentlichten. Damit habe Diekmann eine "bis dahin unbekannte Solidarisierung der deutschen Medien mit Bild" geschaffen.

Aber rechtfertigt das alles seiner harten Vorwurf, andere Medien hätten sich von Springer vor den Karren spannen lassen? Sie hätten sich in einem Komplott verschworen, ihn aus dem Amt zu treiben – mit Hilfe der Staatsanwaltschaft Hannover, die sich durch ihre Berichte zu (ungerechtfertigten) Ermittlungen drängen ließ?

Hysterie und Jagdfieber

Sicher hat es in der Wulff-Affäre viele Übertreibungen gegeben, zeitweise eine Medienhysterie. Immer neue Verdächtigungen und Gerüchte wurden ungeprüft verbreitet und über das Internet in Windeseile weitergegeben, bis hin zum legendären Bobbycar. Manches war frei erfunden, einiges an den Haaren herbeigezogen, an vielem war nicht viel dran.

Die Medien sind der Aufklärung verpflichtet. Doch manchmal kippt bei Journalisten der Aufklärungswille in Jagdfieber. Die beschleunigte Medienwelt neigt, wie Wulff ebenfalls zu Recht kritisiert, bisweilen zur Rudelbildung. Jeder möchte der Schnellste sein, für gründliche Recherchen fehlen oft Zeit und Geld.

Wulff bot Anlass zu Nachfragen

Doch diese Dynamiken konnten sich nur entfalten, weil Wulff ihnen Nahrung gegeben hat: durch sein enges Verhältnis zu Unternehmerfreunden und durch seine Art, mit den ersten Vorwürfen umzugehen. Ebenso wie die Staatsanwaltschaft hätten die Medien ihre Pflicht verletzt, wenn sie berechtigten Verdächtigungen gegen den Bundespräsidenten nicht nachgegangen wären. Freilich hätten beide – rückblickend betrachtet – dabei größere Sorgfalt üben müssen. Dann hätten sie sich die Blamage erspart, dass sich fast alle Vorwürfe am Ende, zumindest juristisch, nicht halten ließen.

Wulff wiederum hätte sich vieles ersparen können, vielleicht sogar seinen erzwungenen Rücktritt, wenn er von Anfang an so offen mit den Vorwürfen umgegangen wäre, wie er es zum Teil in seinem Buch tut. Er räumt selbst schwere Fehler in der Krisenkommunikation ein. Sein Amt und seine Berater hätten ihn daran gehindert, offensiv auf die Anschuldigungen einzugehen.  Aber er habe in dieser "nie dagewesenen Machtprobe zwischen Medien und Politik" standhalten wollen, damit Bild an ihm nicht ein Exempel statuierte. Bis es nicht mehr anders ging.

Medien als Wächter

Haben sich also die Machtverhältnisse zwischen Medien und Politik tatsächlich verschoben, zu Lasten der Politik? Ziehen "die Medien" heute alle an einem Strang, für ihre eigenen kurzfristigen, ökonomischen Zwecke, von der Sucht nach Klicks getrieben?

Die Wächter-Funktion der Medien ist heute umso wichtiger, je schneller und komplexer die Welt wird. Dazu gehört, Politikern auf die Finger schauen, auch solchen in höchsten Staatsämtern. Sogar wenn es um private Dinge geht, die ihre unabhängige Amtsführung beeinträchtigen könnten. Dass einige Medien dabei so deutlich übers Ziel hinausgeschossen sind, sollte der Branche ein mahnendes Beispiel sein. Ihr Skandalisierungswahn hat der Politik wie ihnen selbst geschadet.