Steffen Seibert kann einem wirklich leidtun. Da sitzt der Regierungssprecher 100 Minuten neben seiner Kanzlerin, sagt kein Wort und stützt immer wieder seinen Kopf ab, lässt ihn nach unten auf die Brust sinken, einmal reibt er sich auch die Augen. Seibert ist sehr müde, auch wenn er sich viel Mühe gibt, das zu verbergen. Was hier um ihn herum im Saal der Bundespressekonferenz abläuft, die jährliche Sommer-Pressekonferenz der Kanzlerin, reicht nicht, um ihn nachhaltig aufzuwecken. Nur wenn die Kameras klickend mal wieder einen gestikulierenden Arm Merkels einzufangen versuchen, schreckt er kurz hoch.

Keine 24 Stunden ist es her, dass in der Ostukraine vermutlich der größte Terrorakt auf europäischem Boden seit Jahrzehnten verübt wurde, der Abschuss eines Flugzeugs mit 298 Menschen, wahrscheinlich durch prorussische Separatisten. Diese Katastrophe könnte die sowieso schon dramatische Lage zwischen Russland, der Ukraine und dem Westen unkontrollierbar werden lassen. Israel hat ebenso am Vorabend eine Bodenoffensive in den Gazastreifen gestartet, ein weiterer Nahost-Krieg hat begonnen. Außerdem hat die Bundesregierung gerade einen amerikanischen Geheimdienstler ausgewiesen, nachdem bekannt geworden war, dass die USA in Deutschland einfach alles ausspionieren, was geht. Und in Brüssel ringen 27 Staatschefs um das neue Führungspersonal der Europäischen Union. In diesem weltpolitischen Sturm also setzt sich Angela Merkel, die gestern 60 Jahre alt geworden ist, vor die deutsche Hauptstadtpresse und sagt: "Dankeschön und Guten Tag."

Was dann folgt, ist ein typischer Merkel-Auftritt. Ein Auftritt, der vor allem sagt: Lasst mich einfach weitermachen, dann wird das schon.

Was also sagt sie zum Flugzeugabsturz? Es gehe jetzt darum, dass schnellstmöglich eine unabhängige Untersuchung eingeleitet werde. "Es gibt sehr sehr viele Indizien dafür, dass es sich um einen Abschuss handelt. Deshalb müssen wir das sehr ernst nehmen." Russland solle sich für eine sofortige Waffenruhe einsetzen, und überhaupt könne das alles nur politisch gelöst werden.

Das ist sehr vorsichtig und eigentlich keine Strategie, sondern sagt nur: Wir kümmern uns, irgendwie. Ihre Floskeln stehen in krassem Gegensatz zur tatsächlichen Wucht des Ereignisses, sie sollen es abfedern. Nun ist der Flugzeugabsturz noch so frisch und die gesamte Situation in und um die Ukraine ja tatsächlich so verworren, dass niemand einen Masterplan für dessen Lösung von Merkel erwarten sollte, so einen Plan gibt es einfach nicht.

Doch die Art, möglichst wenig zu sagen, um sich so den eigenen Handlungsspielraum nicht einzuschränken, ist längst zum Markenzeichen Merkels geworden, egal um was es geht. Ein typischer Merkel-Satz, der auch heute wieder fällt, lautet: "Wir sind ja in einem relativ kompliziertem Prozess, bei dem ja zum Schluss alles mit allem zusammenhängt." Das ist ihre Antwort auf die sehr konkrete Frage, ob die Bundesregierung den italienischen Vorschlag unterstützt, Federica Mogherini zur Außenbeauftragten zu machen. Sie könnte stattdessen auch sagen, ob sie die Meinung ihres wichtigen Brüsseler Parteifreundes Elmar Brok teilt, der über die mangelnde außenpolitische Erfahrung der Kandidatin geklagt hatte.

Merkel macht keine öffentliche Politik. Aber sie macht Politik

So geht das bei allen Themen. Die Debatte über eine größere weltpolitische Rolle Deutschlands? "Richtig und wichtig. Wir können nur auf Dauer in Frieden und Demokratie leben, wenn wir uns auch um Krisenherde anderswo kümmern." Ab wann genau und wie sie sich um Krisenherde kümmern will, mit Waffen oder ohne, sagt sie nicht.

Die US-Spionage und das deutsch-amerikanische Verhältnis? "Wir haben grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen, wie viel Überwachung nötig ist", insgesamt sei die USA aber ein wichtiger und guter Partner. Wie die Bundesregierung erfolgreich Einfluss nehmen kann auf die Spionagepraxis der Amerikaner in Deutschland – kein Wort dazu.

Die Luft- und Bodenangriffe Israels auf Gaza? "Israel hat ein Recht auf Selbstverteidigung das muss natürlich immer angemessen durchgeführt werden." Die entscheidende Frage, ob sie die jetzige Offensive denn angemessen findet, beantwortet Merkel wieder nicht.

Ob Pkw-Maut (sie spricht von "Konzeption einer straßenbezogenen Nutzungsgebühr für Pkw"), die Unabhängigkeit Kataloniens oder Namensstreitigkeiten um Mazedonien: Merkel hält sich entweder raus oder sagt nichts darüber, wie sie mitmischt.

Manche Kommentatoren sprechen aufgrund dieses Stils von der "Abschaffung der Politik" durch Merkel. Richtiger ist: Merkel macht keine öffentliche Politik. Sie will eigentlich nichts sagen, hier in der Bundespressekonferenz, sie will einfach in Ruhe weiterregieren. Politik ist für sie anderswo. Am Telefon mit Putin, in Brüsseler Nachtsitzungen, und in den etlichen ganz kleinen und etwas größeren Runden, in denen sie ja tatsächlich Dinge entscheidet. Sich dann öffentlich zu erklären ist der eher lästige Teil.

Fast ganz am Ende der Pressekonferenz fragt jemand die Kanzlerin, was genau denn ihr persönlicher innenpolitischer Verdienst sei in dieser noch kurzen Legislaturperiode. Da guckt Merkel sehr streng, und auch ihr müder Sprecher Seibert sieht wieder wacher aus. "Vielleicht fällt Ihnen etwas ein", gibt sie dann schnippisch zurück. "Ich war irgendwie beschäftigt."