Der Bundestag hat am gestrigen Donnerstag die Realität im Einwanderungsland eingeholt. Die Abgeordneten haben beschlossen, dass Ausländerkinder, die in Deutschland mit zwei Staatsbürgerschaften geboren werden, auch Erwachsene mit zwei Staatsbürgerschaften sein dürfen – und sich nicht wie bisher spätestens mit 23 Jahren für eine entscheiden müssen. Kinder von Türken und Arabern dürfen jetzt, was EU-Bürger und Schweizer schon lange dürfen: Deutsche sein – und noch was anderes dazu. Dieses andere ist vielen wichtig. Sie wollen nicht gezwungen werden, sich zu entscheiden. Das betrifft laut der Bundesbeauftragten für Integration, Aydan Özoğuz, schon heute mehr als eine halbe Million Kinder und Erwachsene.

Heute hat Deutschland gezeigt, dass es das andere aushält, es nicht als Gefahr sieht. Geht schon.

Der Wegfall dieser sogenannten Optionspflicht zeigt, wie sehr sich das Klima hierzulande geändert hat. Deutschland geht gelassener mit seinen vielen Identitäten um, auch mit seiner eigenen Identität als modernes Einwanderungsland. Es vertraut sich endlich selbst. Jetzt hat dieses moderne Einwanderungsland auch ein modernes Staatsangehörigkeitsrecht.

Das ist eine ziemlich große Sache für Deutschland. Und eigentlich ging es am Ende doch recht schnell. Machen wir uns noch einmal kurz klar, was in den vergangenen Jahren so los war.

Türkenschreck Kohl

Da gab es den Türkenschreck Helmut Kohl, der Kanzler der Wiedervereinigung, der es leider verpasste, die Ausländer gleich mitzuvereinigen und auch sonst kaum eine Gelegenheit ausließ, Distanz zu "Nicht-Deutschen" aufzubauen. Nach dem Brandanschlag von Solingen 1993, bei dem fünf Türken starben, sagte sein Regierungssprecher, zu der Trauerfeier werde der Bundeskanzler nicht anreisen, man wolle nicht in Beileidstourismus ausbrechen. Deutlicher konnte Kohl nicht zeigen, dass es sich hier um ein Angriff auf Fremde handelt. Später bekam er eine türkische Schwiegertochter.

Da gab es 1999 in Hessen eine Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, mit der Roland Koch die Landtagswahl gewann. Er versuchte es im Wahlkampf 2007 erneut mit einer Kampagne, die Einwandererkinder verausländerisierte, diesmal ging es um böse Jungs. Pauschal sagte Koch: "Wir haben zu viele kriminelle Ausländer", in einem Interview mit der Bild-Zeitung. Doch Koch verlor die Wahl.

Das bisschen Wahlrecht

Noch vor wenigen Jahren gab es leidenschaftliche Debatten über die Vorstellung, Migranten könnten zwei Pässe haben, besonders die Union stritt heftig. Man kann es sich kaum noch vorstellen, aber ein grundvernünftiger Wolfgang Schäuble sagte, man zwinge ja schließlich niemanden, Deutscher zu werden – auch ohne deutschen Pass könne man wunderbar in Deutschland leben. Das bisschen Wahlrecht, das ja nur deutsche Staatsbürger haben, war anscheinend nicht so wichtig. Man hat die Leute, über die man damals so sprach, einfach nicht als potenzielle Wähler und politische Menschen gesehen. Nun gut, Schäuble hatte bis dahin vielleicht noch nie einen Türken aus der Nähe gesehen. Nur sechs Jahre später berief er als Bundesinnenminister die Islamkonferenz ein. Das ging dann auch schnell.