Klar, die Stiefmutter ist schuld. Böse, intrigant und egoistisch treibt sie ihr Unwesen in der Märchenwelt von Aschenputtel, Schneewittchen und Frau Holle. Sie ist Hexe und Nemesis in einem, sie wiegelt den wohlmeinenden Vater auf gegen seine Kinder, sie zieht das Erbe an sich. Sie will Geld, sie will Macht, und was sie will, bekommt sie auch. Zunächst. Erst am Ende erreicht sie die Rache der Gerechten. So ist es im deutschen Märchen, und so geht es in der deutschen Wirklichkeit zu, glaubt man dem Bild, das sich die Deutschen von den Frauen an der Seite der Mächtigen machen. Prominentes Beispiel: Maike Kohl-Richter. Die Frau, die dem schwer kranken Helmut Kohl das Jawort gab, damals, 2008, in der Kapelle der Reha-Klinik in Heidelberg, weiß, was sie erwartet. Sie will bei ihrem Mann bleiben, bis zum Ende. Maike Kohl-Richter wird die Letzte sein.

Das ist gut, doch die Frau des Altkanzlers wird kritisiert statt geachtet. Denn sie tut nicht, was sie soll. Sie ist die "Frau an seiner Seite", und da soll auch ihr Platz sein: im Schatten des großen Mannes. Aber statt sich mit dieser Rolle zufriedenzugeben und den historischen Masterplan anderen zu überlassen, etwa den Männern in ihrer Partei, kämpft sie. Hartnäckig verteidigt sie 400 Aktenordner im Oggersheimer Keller, Kohls Handarchiv, die Basis für den geplanten vierten Band seiner Erinnerungen. Je stärker ihr Engagement, desto heftiger ist der Widerstand, der ihr entgegenschlägt. Sie gilt als eine Cosima Wagner von heute, als anmaßende Wächterin des historischen Schatzes. Sie soll sich bescheiden, sagen ihre Kritiker, schließlich wollen auch andere mitmalen am Bild in den Geschichtsbüchern.

Maike Kohl-Richter könnte eine der Letzten sein, die zu spüren bekommen, was es heißt, als "Frau an seiner Seite" behandelt zu werden. Die patriarchale Epoche geht zu Ende. Heute greifen Frauen wie Angela Merkel, Ursula von der Leyen oder Andrea Nahles selbstbewusst nach der Macht. Doch noch ist das nicht selbstverständlich.

Zumindest in den konservativen Milieus wirkt das Bild von der schwachen Frau neben dem Mann, den der Mantel der Geschichte umweht, weiter. Kohl-Richter bekommt das zu spüren: Des Altkanzlers Weggefährten von einst fordern freien Aktenzugang für Historiker. Alle rufen nach Transparenz, und die Presse schürt die Glut. Die böse Stiefmutter wird gebraucht: Stiefmütterlich behandelt Kohl-Richter demnach nicht nur die Söhne Helmut Kohls; stiefmütterlich gehe sie auch mit den Deutschen um. Denn es sei ja deren gutes Recht, in Kohls Archiv zu lesen und zu stöbern. Wer schreibt die Geschichte der Männer, die Geschichte schrieben?

Der Konflikt ist alt: Wenn die großen Männer abtreten oder sterben, schlägt die Stunde ihrer Frauen. Im 19. Jahrhundert erlebte die Figur der dominanten "Frau an seiner Seite" eine erste Konjunktur: Cosima Wagner wurde eine der bekanntesten Witwen der Kulturgeschichte. Nach Richard Wagners Tod verstand sie sich als Gralshüterin seines Erbes. Bis ins Letzte hinein bestimmte sie die Wirkungsgeschichte des Komponisten. Ähnlich autoritär und selbstbewusst ging Elisabeth Förster-Nietzsche mit dem Erbe ihres Bruders Friedrich um. Sie verwaltete nicht nur seinen Nachlass, sondern arbeitete, auch durch massive Eingriffe in Nietzsches Werk, aktiv daran, den Philosophen zu einer restaurativen Kultfigur des 20. Jahrhunderts aufzubauen. Seither werden die Frauen und Witwen der "großen Männer" grundsätzlich verdächtigt, das historische Erbe zu manipulieren, eine Logik, die nur in einer patriarchalen Gesellschaft denkbar ist.

Wer also darf darüber entscheiden, wer wann zu welchen Quellen Zugang hat? In der Zeitgeschichtsschreibung steht die politische Aktualität der wissenschaftlichen Quellenerschließung oft im Wege. Darüber muss gesprochen und gestritten werden. Ein Politiker, der versucht, sein Bild für alle Zeiten festzuschreiben, wird scheitern; spätere Historiker werden sein Bild neu zeichnen. Dabei werden sie auch auf die Rolle der Maike Kohl-Richter zu sprechen kommen, die mit Verve für ihren Mann kämpft. "Ich bin nicht in der Lage, den historischen Nachlass meines Mannes alleine zu verwalten. Das wäre eine absurde Vorstellung", sagte sie kürzlich der "Welt am Sonntag". In den Geschichtsbüchern von morgen könnte sie als die Letzte ihrer Art erscheinen.