Schon am Donnerstagabend hatten Teilnehmer einer propalästinensischen Demonstration in Berlin vor einer Synagoge "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein" skandiert. Das American Jewish Commitee hatte daraufhin Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Nach vorläufiger Einschätzung der Staatsanwaltschaft ist die Parole jedoch lediglich eine Beleidigung. Die Polizei möchte den Slogan künftig über das Versammlungsrecht per Auflage verbieten. Auch aus Frankfurt und Göttingen wurden Übergriffe berichtet. 

Der Zentralrat der Juden veröffentlichte am Montag eine entsetze Pressemitteilung. Präsident Dieter Graumann geißelte eine "Explosion an bösem und gewaltbereitem Judenhass, die uns alle schockiert und bestürzt". Seine Organisation hätte es "niemals im Leben mehr für möglich gehalten", dass auf deutschen Straßen so einfach solche antisemitische Pöbeleien skandiert werden könnten. Graumann forderte eine entschiedenere Distanzierung der deutschen Politik, als sie bislang zu hören war.

Der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz bestreitet hingegen, dass der Judenhass in Deutschland zugenommen hat: "Antisemitismus ist eine ziemlich konstante Größe, schon seit Jahrzehnten. Ereignisse wie der Krieg in Gaza können dazu führen, dass vorübergehend Manifestationen des Antisemitismus stärker sichtbar werden, sie gehen aber schnell wieder zurück", sagt Benz. Das bedeute nicht, das Problem kleinzureden.

"Wir haben die antisemitischen Kommentare sofort entfernt"

Ein besonders exemplarisches Beispiel davon, wie Israel-Kritik bewusst oder unbewusst in Antisemitismus abgleiten kann, ist eine unter anderem von der Linkspartei und Linksjugend unterstützte Kundgebung in Essen. Unter dem Motto "Stoppt die Bombardierung Gazas" demonstrierten am Freitag rund 1.000 Menschen an der Ruhr.  Die angemeldete Demonstration selbst blieb nach Angaben der Polizei zunächst friedlich. Nach dem Ende der Kundgebung zogen demnach rund 200 Teilnehmer weiter und bewarfen proisraelische Gegendemonstranten mit Flaschen. Einige sollen auf Arabisch antisemitische Parolen gerufen haben, wie der Bundestagsabgeordnete Harald Petzold berichtet, der für die Linkspartei wiederum an der Demonstration teilnahm, die die Position Israels verteidigte. Acht Personen wurden festgenommen. Gegen sie sind Verfahren in Arbeit, unter anderem wegen des Zeigens des Hitlergrußes. Die Polizei ermittelt außerdem wegen einer geplanten Straftat auf die Essener Synagoge am gleichen Tag. Genaueres will sie dazu nicht sagen, auch nicht, ob es einen Zusammenhang mit der Pro-Gaza-Demonstration gibt. 

"Beschämend" nannte der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Matthias Höhn, die Vorfälle in Essen, mit denen der eigene NRW-Landesverband nun in Verbindung gebracht wird. Dazu muss man wissen, dass die NRW-Linke als schwierig gilt und vereinzelte Politiker sich wegen ihrer sehr israelkritischen Haltung schon öfter einem Antisemitismus-Vorwurf ausgesetzt sahen. Im aktuellen Fall stört sich die Führung der Bundespartei daran, dass in dem Aufruf gegen die "Bombardierung Gazas" eben nichts von den vielen Raketen stehe, die die radikale Hamas in den vergangenen Tagen auf Israel abgefeuert hat. Viele sehen darin eine Relativierung des Konflikts.  "Das mobilisiert auch Menschen und Gruppen mit Israelhass und antisemitischen Haltungen", sagte zum Beispiel der Chef der Berliner Linkspartei, Klaus Lederer, dem Tagesspiegel.

Die NRW-Linke hingegen weist alle Schuld von sich. "Von wegen radikal: Das Wording unseres Aufrufs zur Friedens-Kundgebung haben wir an der israelischen Friedensbewegung orientiert", sagt NRW-Vorstandsmitglied Jules El-Khatib. Der Politiker mit palästinensischen Wurzeln beteuert: Die von ihm und Mitstreitern organisierte Kundgebung sei unterwandert worden. "Unsere Einladung bei Facebook ist über Nacht 50.000 mal weiterverbreitet worden. Wir haben die antisemitischen Kommentare und die Hitler-Bilder, die gepostet wurden, am nächsten Morgen sofort entfernt, denn sie sind nicht akzeptabel. Wir haben das in einem eigenen Post klargestellt. Die Urheber waren uns nicht bekannt, sie wurden blockiert." Bis heute habe kein Berliner Vorstandsmitglied bei der eigenen Landespartei nachgefragt, was wirklich passiert sei: "Vielmehr wurden wir aus der Ferne beurteilt", ärgert sich El-Khatib.