Hinter dem ägyptischen Café Horus kippt die Sonne in den Neuköllner Beton, die Hasenheide spuckt ständig Menschentrauben aus, die in die angrenzenden Restaurants strömen. Es sind die Tage nach Ramadan, Muslime in der ganzen Welt feiern das Ende des Fastens. Im Horus balancieren die Kellner Fleischplatten durch die Stuhlreihen, ein Gast pafft unter einem "Rauchen-Verboten"-Schild Kette. Fuad Abusultan dagegen lehnt sich in seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme. Freunde haben ihm Glückwünsche zu den Feiertagen gesimst, doch der Palästinenser kann sich nicht freuen. "Es gibt nichts zu feiern. In Gaza sterben unsere Familien. Wir sind traurig", sagt der 40-Jährige.

Abusultan ist in Gaza geboren, kam 1992 nach Deutschland und studierte in Berlin BWL. Seine Eltern, Brüder und Schwestern, insgesamt 24 Personen, wohnen immer noch in Gaza-City. Wohnten, muss man sagen. Denn als die Bomben fielen, flohen sie aus ihrem Haus, nun campieren sie in einer Uno-Schule. Und warten. Auf Wasser, auf Handyempfang und den nächsten Einschlag.  

Am dritten Tag des Krieges sprach Abusultan zuletzt mit seinen Eltern. Das ist Wochen her. Danach: kein Anruf, keine Nachricht. Diese Unsicherheit macht mürbe. Die Menschen in Gaza haben Handys, aber keinen Strom zum Aufladen. Abusultan schaut in diesen Tagen viel arabische Nachrichten. Al Jazeera lässt am unteren Bildrand immer etwas Platz frei. Der Sender tickert dort die Namen der Toten, rund um die Uhr. Abusultan fürchtet sich vor dem Moment, wenn zum ersten Mal ein vertrauter Name aufblinkt.      

Die Palästinenser in Berlin fühlen sich falsch dargestellt

Ihm gegenüber, im Café in Berlin-Neukölln, zieht Nader Khalil an einer Wasserpfeife und sagt: "Ich schalte immer öfter um, ich ertrage die Bilder der toten Kinder, Frauen und Zivilisten nicht mehr." Der 45-jährige Palästinenser aus dem Libanon lebt seit 1980 in Berlin. "Gaza ist ein Gefängnis für fast zwei Millionen Menschen. Was ist mit deren Menschenrechten? Warum schaut die ganze Welt weg?", fragt Khalil. "Die - israelische - Besatzung - muss - beendet - werden!" Seine Handknöchel klopfen jedes Wort in die Armlehne des Korbstuhls. 

Ungefähr 45.000 Palästinenser leben in Berlin, viele davon besitzen mittlerweile einen deutschen Pass. In der palästinensischen Gemeinde gebe es viele erfolgreiche Geschäftsleute, sagt Khalil. Aber das interessiere meist keinen. Man berichte nur über Palästinenser, wenn im Gazastreifen wieder Krieg herrscht. Oder wenn einzelne Demonstranten auf einer Pro-Palästina-Kundgebung antisemitische Parolen skandieren. Die Palästinenser in Berlin fühlen sich falsch dargestellt. Im Café Horus sind sie deshalb vorsichtig im Gespräch mit Journalisten.

Zum verabredeten Gespräch hat Abusultan eine Liste mit zehn Punkten mitgebracht. "Die israelische Besatzung ist die Ursache" – die Überschrift ist fett unterstrichen. Die Liste endet mit: Deutsche Medien stehen hinter der israelischen Besatzung. "Erst vergangene Woche ist eine deutsch-palästinensische Familie, sieben Leute, in Gaza ermordet worden", sagt Abusultan. "Und die deutschen Medien greifen es kaum auf." Wenn man entgegnet, dass die Medien sehr wohl darüber berichtet hätten, guckt Abusultan skeptisch. Er wolle das nachprüfen.