ZEIT ONLINE: Herr Voigt, die Bundesregierung fordert den obersten Repräsentanten der amerikanischen Geheimdienste dazu auf, Deutschland zu verlassen.  Sie waren elf Jahre lang Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Beziehungen. Wie ist das zu bewerten?

Karsten Voigt: Dies ist ein sehr deutliches Signal der Missbilligung und Empörung. Meiner Erinnerung nach hat es so einen Schritt gegenüber den USA bisher nicht gegeben.

ZEIT ONLINE: Aber wird die Affäre auch praktische Konsequenzen für die Arbeit der amerikanischen Geheimdienste haben?

Voigt: Das kann man hoffen, es letztlich aber nicht wissen. Man könnte von den Amerikanern fordern, ihre Spionage gegen Deutschland vollständig einzustellen. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die USA hierzu bereit sind. Und selbst wenn sie es sagten, würde ich mich darauf nicht verlassen. Da muss man realistisch sein. Wir müssen also unsere Spionageabwehr verbessern. Das sollte eine Konsequenz dieser Affäre sein.

ZEIT ONLINE: Wird dadurch das Misstrauen nicht noch größer?

Voigt:  Ich hielte es für eine Schnapsidee, jetzt selbst zu versuchen, Schlapphüte ins Weiße Haus zu setzen. Aber wir sollten unseren Blick dafür schärfen, dass die Amerikaner und möglicherweise auch andere Verbündete versuchen, gegen uns zu spionieren. Ich denke dabei zum Beispiel an die Briten, da die in Bezug auf Spionage eine ähnliche Einstellung wie die USA haben. Auch weist der Verfassungsschutz schon lange darauf hin, dass der Schutz in der Privatwirtschaft ausgebaut werden müsste. Deutsche Firmen werden nicht nur durch die Spionage der Chinesen und Russen bedroht.

ZEIT ONLINE: Als Amerikabeauftragter hatten Sie Kontakte zu den Geheimdiensten beider Seiten. Hat es Sie überhaupt überrascht, dass die USA Spione in unseren Regierungsbehörden und beim BND haben?

Voigt: Ich wusste das natürlich nicht, aber ich bin immer davon ausgegangen. Zu meiner Amtszeit in den neunziger Jahren waren auch deutsche Botschafter in Washington davon überzeugt, dass sie dort überwacht würden. Schon vor dem 11. September gingen wir davon aus, dass die Amerikaner auch bei uns in Deutschland Spione einsetzen.

Viele Amerikaner glauben übrigens, dass wir sie spiegelbildlich zu ihrem Verhalten in ihrem Land bespitzeln. Dem ist aber nicht so. Die Deutschen haben immer eine ganz nüchterne Güterabwägung betrieben: Der Nutzen der Informationen, die man möglicherweise erhält, steht in keinem Verhältnis zu dem diplomatischen Schaden, der angerichtet wird, wenn das auffliegt.

ZEIT ONLINE: Deutschland beschafft sich also gar keine Informationen über die Amerikaner?

Voigt: Natürlich sammeln wir Informationen über verbündete Staaten, aber nicht mit den Methoden eines Geheimdienstes, sondern durch z.B. durch die reguläre Arbeit von Diplomaten. Meiner Kenntnis nach gibt es erst seit einigen Jahren eine kleine Analyseeinheit mit USA-Spezialisten beim BND. Das sind keine Spione, sondern Leute, die sich mit völlig legalen Mitteln mit dem wichtigsten Partnerland des BND beschäftigen.

ZEIT ONLINE: Haben die USA durch das Ausspionieren deutscher Stellen wirklich eine "Dummheit" begangen, so wie es Finanzminister Wolfgang Schäuble formuliert?

Voigt: Die Aussage ist nicht falsch, aber die Wortwahl impliziert, das sei ein Versehen der Amerikaner gewesen. Das war es keinesfalls. Die Amerikaner halten es für völlig normal, auch befreundete Staaten auszuspionieren – nur eben nicht so intensiv wie China und Russland. Sie wundern sich, dass die Deutschen sich so aufregen.

ZEIT ONLINE: Dennoch teilen Sie die Ansicht Schäubles, dass die Amerikaner sich ungeschickt verhalten haben?

Voigt:  Die Amerikaner haben Interessen an einer guten Zusammenarbeit mit Deutschland – auch wegen unserer außen- und wirtschaftspolitischen Bedeutung. Und dieser Zusammenarbeit entziehen sie durch ihre Spionagetätigkeit die Vertrauensbasis. Das dämmert ihnen aber erst langsam.