Was die EU-Osterweiterung betrifft, so spielt die Bundesregierung allerdings ein doppeltes Spiel. Nur einen Tag vor dem West-Balkan-Treffen hatte das Bundeskabinett schärfere Regeln gegen Einwanderer aus Osteuropa beschlossen, um einen vermeintlichen Sozialmissbrauch von Bulgaren und Rumänen einzudämmen. Dabei gibt es dazu keine belastbaren Zahlen. SPD und Union wird vorgeworfen, mit Ressentiments zu spielen und Osteuropäer per se zu diskriminieren. Einige der "Armutsmigranten", deren Zahl die Bundesregierung verringern will, gehören zur Volksgruppe der Roma. Diese werden auch in den West-Balkan-Staaten diskriminiert, mit deren Vertretern Merkel am Donnerstag zu Abend aß.

Die Bundesregierung erkennt die "schwierige" Situation der Roma in ihren Herkunftsländern an. Trotzdem will sie drei Balkan-Länder zu "sicheren Herkunftsstaaten" erklären. Asylbewerber aus Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina sollen von der Bundesrepublik künftig einfacher abgewiesen werden. Hintergrund sind die massiv gestiegen Asylbewerberzahlen aus diesen Ländern. So wurden im ersten Halbjahr 2014 aus Serbien 11.800 Anträge auf Asyl gestellt, nur aus Syrien gab es mehr Schutzsuchende. Auch Mazedonien (4.500) und Bosnien-Herzegowina (4.100) sind in den Top Ten vertreten.

Schon jetzt werden fast alle Anträge aus diesen Balkan-Ländern als "unbegründet" abgelehnt. Würden Serbien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien per Gesetz zu "sicheren Drittstaaten" erklärt, könnten die Behörden eine solche Zurückweisung mit noch weniger Aufwand formulieren – mit zehn Minuten weniger Zeit pro Antrag rechnen Union und SPD. Außerdem müssten weniger Kosten für Sozialleistungen bezahlt werden, weil die Anträge schneller bearbeitet würden und Bewerber dann weniger lang auf Kosten des Staates lebten.

Das Gesetz ist im Bundesrat zustimmungspflichtig, wo auch die Grünen ein Wörtchen mitzureden haben. Sie verweigern die Zustimmung bisher und verweisen auf die schlechte Situation der Roma in den Balkan-Ländern. In ihrem Gesetzentwurf schreibt die Bundesregierung selbst, dass die  Menschenrechtslage vor allem in Bosnien-Herzegowina noch nicht einwandfrei sei. Bei polizeilichen Verhören und in Gefängnissen käme es "vereinzelt zu Misshandlungen, insbesondere gegenüber Angehörigen von Minderheiten". Angehörige der Roma-Minderheit seien jedoch "gesellschaftlich, nicht politisch" diskriminiert. Noch laufen die Verhandlungen mit den Grünen. Mit seinem Vorstoß, auch Albanien und Montenegro zu sicheren Drittstaaten zu erklären, konnte sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière nicht durchsetzen. Bei der West-Balkan-Konferenz in Berlin waren die Roma und die vielen Asylanträge offiziell kein Thema.