Die Legende von Malik, dem einzigen sächsischen Löwen, hat dem sächsischen FDP-Chef Holger Zastrow sofort gefallen. Malik ist nämlich ein Kämpfer mit einer dramatischen Lebensgeschichte: Von seiner Mutter vernachlässigt rang das Jungtier im Chemnitzer Zoo mit dem Tod. Die Tierpfleger beschlossen, ihn einzuschläfern. Doch an dem Tag, an dem er sterben sollte, begann Malik wieder zu fressen. Heute ist er ein kräftiger stolzer Löwe, der gerade seinen zehnten Geburtstag gefeiert hat.

Tolle Geschichte also, voller möglicher Analogien zu den sächsischen Liberalen. Das dachte sich Zastrow, der als Inhaber einer Dresdner Werbeagentur natürlich weiß, worauf es ankommt. Und so erzählt der 45-Jährige, der auch FDP-Fraktionschef im sächsischen Landtag und Spitzenkandidat seiner Partei ist, im Landtagswahlkampf die Geschichte vom brüllenden sächsischen Löwen FDP: Die böse Mutter ist die Berliner Partei, die den Niedergang der Liberalen alleine zu verantworten hat, weil sie nicht auf Zastrow hörte. Der kleine Kämpfer ist natürlich er selbst und "die liberale Familie", wie er sie nennt. Längst totgesagt, wird die Landes-FDP sich schon im richtigen Moment wieder aufrichten – lautet die Botschaft. 

Um dieses Ziel zu erreichen bleiben Zastrow noch zehn Tage. Dann ist Landtagswahl in Sachsen. Und aus der FDP, die hier noch in einer schwarz-gelben Koalition unter Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) regiert, könnte außerparlamentarische Opposition werden. Oder eben ein sich aufbäumender Löwe, der dem Negativtrend trotzt und brüllend wieder in den Landtag stapft. Wenn auch nur mit einem Ergebnis knapp über der Fünfprozenthürde. Niemand bei den sächsischen Liberalen ist so wahnsinnig, mehr Wählerzuspruch zu erwarten.

"Ob wir es schaffen: Ich weiß es nicht", sagt Zastrow. Authentizität, Offenheit, Zurückgenommenheit im richtigen Moment, das mögen die Leute. Das weiß der PR-Fachmann. In Motorradkluft steht er vor seiner Maschine, einer BMW GS1200 Adventure, der heute ein FDP-Wimpel angeheftet ist. Ein paar Journalisten sind da und filmen den Auftakt seiner Motorradtour durch Sachsen, ein Wahlkampf-Happening. Das Medienaufgebot ist nicht riesig, aber ausreichend. "Wir kämpfen wie die Löwen", sagt Zastrow getreu dem Motto in die Kamera und wirkt dabei für die schwierige Situation seiner Partei erstaunlich entspannt, in sich ruhend. Die Motorradtour machen sie hier jeden Sommer, "ist ja auch ein bisschen cooler als mit Dienstwagen", sagt Zastrow. In der FDP Sachsen gebe es viele begeisterte Biker. Klar wird jedenfalls schnell: Wer für die Liberalen arbeitet, der macht früher oder später den Motorradführerschein.

Los geht es also nach Döbeln, wo es deutschlandweit die einzige Straßenbahn gibt, die noch von einem Pferd gezogen wird. Zastrow streichelt Elko, das Pferd, bevor es den Straßenbahnwagen mit 16 Mitfahrern einmal über die Schienenspur durch die pittoreske Innenstadt zieht. "Traditionspflege" nennen das die FDP-Wahlkampfstrategen. Sachsen ist ein konservatives Land, die Vereine freuen sich, wenn mal ein Politiker vorbeischaut und sich ihre Sorgen anhört, die sich meist um Fördergelder drehen.

Die zehn Biker mit FDP-Wimpel brummen weiter, über Landstraßen, nach Parthenstein, Ortsteil Großsteinberg, im sehr ländlichen Landkreis Leipzig. Hier soll ein Windrad in die Natur gebaut werden. 141 Meter hoch werde das Rad sein und das im Landschaftsschutzgebiet, erklärt ein Vertreter der Bürgerinitiative, die das verhindern will. Zastrow nickt, seine Partei plakatiert im Land gegen die Folgen einer überhasteten Energiewende. "Wenn’s um Windräder geht, spielt Naturschutz plötzlich keine Rolle mehr", stellt er fest und rät: Die Gemeinde solle sich ordentlich wehren, notfalls auch juristisch. Und, falls es nach der Wahl mit der sehr starken CDU doch nochmal für Schwarz-Gelb reichen solle, dann würde er sich höchstpersönlich darum kümmern, dass dieser Spuk ein Ende habe.

Wo die anderen ostdeutschen FDP-Landesverbände mit Selbstaufgabe kokettieren ("Keine Sau braucht die FDP"), macht die FDP Sachsen wenigstens noch Wahlkampf. Sie feilt an ihrem Image, sich stets dem Mainstream entgegenzustellen. Die Liberalen wettern laut gegen den Mindestlohn, gegen die Energiewende. Die FDP ist für den Bau von mehr Straßen und Autobahnen und plakatiert: "Ihr Auto würde FDP wählen." Am Wahlkampfstand, so erzählt es ein Liberaler, würde die FDP am meisten dafür gelobt, dass sie sich so dafür eingesetzt habe, dass Autos in Sachsen nun trotz Gemeindereformen wieder ihre alten Heimatkennzeichen tragen dürfen.

Zastrow steht für die klassische Klientel-FDP: Mittelstand und motorisiert. Selbstbewusst pflegt er das Image des freundlichen Querulanten. Auf jedem Bundesparteitag der letzten Zeit hat er Anträge gegen den seiner Meinung nach falschen Säusel-Kurs der Lindner-und Rösler-FDP eingebracht. Das macht ihn auch glaubwürdig, wenn er jetzt im Landtagswahlkampf beständig gegen die Berliner Loser von der FDP wettert. Loser sagt er nicht, er formuliert es höflicher, meint es aber genau so. "Ja, wir polarisieren, aber wir haben eine Haltung", sagt Zastrow. Andere haben sie seiner Meinung nach nicht.

Auch zur Euro-Rettung, eines der umstrittensten Themen zu FDP-Regierungszeiten, hat er sich immer kritisch positioniert. Zu Beginn des Wahlkampfes gab Zastrow ein Interview, in dem er dem parteiinternen Euro-Kritiker Frank Schäffler aus Nordrhein-Westfalen bescheinigte, er sei von der Bundespartei unfair behandelt worden. Angesichts der in Sachsen so starken AfD war das als strategischer Zug gedeutet worden – ein Comeback der liberalen Euro-Kritik als Kontrapunkt zur Konkurrenz von rechts. Seitdem hat sich Zastrow nicht mehr entsprechend geäußert. Aber Frank Schäffler referiert an diesem Wochenende in der AfD-Hochburg im Erzgebirge "zur Krise des Euro". Zastrow wird bei dieser Wahlkampfveranstaltung der örtlichen FDP nicht dabei sein, sein Sprecher beteuert: Es seien keine gemeinsamen Auftritte in Sachsen geplant. Und doch kann ihm ein wahlkämpfender Euro-Kritiker im Land der Euro-Kritiker natürlich nur recht sein.

Die AfD sei ihm "völlig" egal, sagt Zastrow offiziell in die Kameras. Mit ihrem pöbelnden Weltbild seien diese keine Konkurrenz für die sächsische FDP. Doch nicht nur die AfD wird demonstrativ ignoriert: Auch FDP-Bundesparteichef Christian Lindner spielt im sächsischen Wahlkampf seiner Partei keine Rolle. Gemeinsame Auftritte von ihm und Zastrow gibt es nicht.

Zastrow, der politische Einzelkämpfer, führt seine Partei wie einen Familienbetrieb. Er ist väterlich fordernd, es gibt klare Ansagen. Seit Tagen campieren junge Liberale im Keller der Landesgeschäftsstelle, einer alten Villa in Dresden. Stundenlang wahlkämpfen sie für Zastrow auf Marktplätzen, aus dem FDP-Zelt dröhnt Schlagermusik, "weil das die alten Leute mögen", erzählt einer. Die "liberale Familie" hält zusammen. Weil offenbar nicht so viele FDPler wie gehofft bei der Motorradtour mitfahren wollten oder konnten, sind zwei Liberale aus Hannover und Berlin angereist. Sie wollen nun bis Sonntag 1.200 Kilometer durch Sachsen touren, über Marktplätze, zu Traditionsvereinen. "Zeit anbieten", sagt Zastrow. Es laufe besser als noch im Bundestagswahlkampf, die Leute blieben nun nicht mehr nur zum Schimpfen stehen.

Was am 31. August nach 18 Uhr passiert, weiß Zastrow nicht. Notfalls hat er noch seine Werbeagentur. Dennoch will der sächsische Löwe vorher alles geben. Am Wahlabend, so formuliert es Zastrow, werde sich zeigen, ob es sich gelohnt habe, "dass wir anders sind". Ob "wir uns lossagen konnten vom Sog". Dem Sog aus Berlin. Das ist "unser Armageddon", sagt ein Mitarbeiter. Und lacht. Noch ist die Stimmung nicht schlecht bei der FDP.