Vergangene Woche war ich in einer Talkshow zu Gast, in der auch eine Prostituierte auftrat, die sich auf Altersheime spezialisiert hatte. Sie war gemeinsam mit ihren Kunden alt geworden und erzählte von ihrer Arbeit, ohne schlüpfrig oder peinlich zu wirken. Ihre wichtigste Aussage war, dass die Alten von heute generell selbstbewusster und fordernder seien als früher. Da genieße mittlerweile eine Generation ihren Ruhestand, die ihre Bedürfnisse klarer benenne.

Das klang interessant und ein bisschen bedenklich. Aber stimmt es auch?

Thesen über die Alten und ihren angeblichen Egoismus sind momentan wieder oft zu hören und zu lesen. Die teuren Rentengesetze der großen Koalition müssen als Beweis dafür herhalten, dass viele alte Wähler in einem Land angeblich zwangsläufig dazu führen, dass Zukunftsinvestitionen vernachlässigt werden. Interessant daran ist, dass diese Argumente oft von Menschen vorgetragen werden, die sich sofort dagegen verwahren würden, dass beispielsweise Frauen grundsätzlich andere Frauen wählen, oder Autofahrer grundsätzlich für Parteien stimmen, die bessere Straßen bauen wollen.

Keiner anderen Bevölkerungsgruppe wird so oft und so selbstverständlich vorgeworfen, dass sie sich knallhart an den eigenen materiellen Interessen orientiert. Dabei zeigen Untersuchungen von Altersforschern vor allem eins: Es macht immer weniger Sinn, pauschal von irgendwelchen Gemeinsamkeiten der Menschen im Rentenalter zu sprechen. Die 25 Millionen deutschen Ruheständler – immerhin fünf mal so viel Menschen wie beispielsweise in Dänemark leben– sind ein extrem bunter Haufen, heute mehr den je. 

Die Generation der 68er, die jüngeren Alten, sind ganz anders als die Kriegsgeneration. Die ostdeutschen Wendeverlierer, die meist wenig Vermögen haben und denen Altersarmut droht, leben ganz anders als die vielen alternden westdeutschen Doppelverdienerpaare, die im Alter oft auf zwei Renten plus Erbschaften oder Ersparnisse zurückgreifen können.

Noch vor wenigen Jahren waren in Deutschland die Einkommen der Alten viel einheitlicher als die der Jungen. Der ostdeutsche Rentnerhaushalt hatte im Durchschnitt etwas mehr Geld zur Verfügung als der im Westen, weil Frauen in der DDR meist berufstätig waren und im Alter daher auch eigene Rentenansprüche hatten. Inzwischen haben die Frauen in Westdeutschland aufgeholt, während es im Osten viel mehr arme Rentnerhaushalte gibt. Außerdem spielen Kapitalerträge und vor allem Erbschaften eine größere Rolle. Nicht nur der Start ins Leben, sondern auch der Lebensstandard im Alter hängt immer häufiger vom Elternhaus ab.

Trotzdem neigen wir dazu, die Jugend als Lebensphase großer Individualität zu verstehen und gleichzeitig pauschal von "den" Alten zu sprechen, als seien die immer noch eine homogene Gruppe, die ihre Freizeit mit Kaffeefahrten verbringt und ausschließlich deutsche Schlager hört.

Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Jugendliche neigen zu Konformität, sie wollen oft unbedingt ähnliche Hosen tragen oder ähnliche Musik hören wie ihre gleichaltrigen Freunde. Ältere Menschen sind häufiger frei von solchen Zwängen und scheren sich wenig um das Urteil von anderen. Vor allem aber hängen ihr Aussehen, ihre Gesundheit und ihre Kreativität stärker als bei den Jungen von ihrem Vorleben ab. Man muss nur gelegentlich Klassentreffen unterschiedlicher Altersgruppen besuchen, um sich das klarzumachen: Treffen sich 30-Jährige, lässt sich das gemeinsame Alter schnell einschätzen – bei den 70-Jährigen gibt es mehr Ausnahmen, die es so aussehen lassen, als habe jemand seinen Sohn mitgebracht.

In den Vereinigten Staaten, wo mit Hillary Clinton womöglich bald die erste Großmutter Präsidentin wird, verläuft die Debatte etwas anders als bei uns. Auch dort wird viel über den Einfluss der Alten auf die Politik gesprochen und gestritten. Die geburtenstarken Jahrgänge sind etwas älter, zu ihnen gehören die Clintons und die gesamte Woodstock-Generation. Auch diesen sogenannten Babyboomern wird oft Egoismus vorgeworfen, manchmal wird behauptet, dass sie erst eine Plage für die Eltern waren und nun eine Strafe für ihre Kinder sind.

In den Vereinigten Staaten wird aber klarer unterschieden zwischen politischen und kulturellen Prägungen von Generationen und Einflüssen der Biologie. Dass es wenig sinnvoll ist, pauschal über die Alten zu sprechen, ist in den USA ein Gemeinplatz.

Altersdiskriminierung, agism, ist verpönt. In den meisten Bewerbungen steht deshalb kein Geburtsdatum mehr. Ein bisschen mehr von dieser Geisteshaltung wäre auch den Deutschen zu wünschen, die ständig über die vermeintliche Macht der Alten stöhnen. Wer pauschale Urteile über Muslime oder Frauen verurteilt, sollte sich auch seine Verallgemeinerungen über alte und junge Menschen gelegentlich überprüfen.