"Stadtzerstörer", "Mafiabande", "Arschlöcher" ruft die Frau von der Brücke neben dem Bahnhof. Unter der Brücke neben der Baustelle im Schlossgarten stehen zwei Damen mit grauen Haaren und S21-Buttons am Revers und schimpfen über das, was sie da hören.

"Stadtzerstörer, Mafiabande? Okay, aber was hilft uns das, die als Arschlöcher zu bezeichnen?", sagt die eine. Da würden doch alle nur wieder bestätigt in ihren Vorurteilen, dass Stuttgart-21-Gegner asozial seien, Menschen, ohne Manieren, die einfach aus Langeweile auf die Straße gingen. "Halt dei' bleede Gosch", sagt die andere halblaut auf Schwäbisch. Die Frau auf der Brücke krakeelt weiter.

Die Bahn hat nun offiziell mit den Grabungen für den Bahnhofstrog begonnen, der zentralen Baustelle für Stuttgart 21, den umstrittenen Tiefbahnhof. Für S21-Architekt Christoph Ingenhoven ist dies "der eigentliche Beginn der Bauarbeiten" und "das endgültige Ende der Ungewissheit". Für die Gegner ist es mal wieder ein Grund für einen größeren Protest.

Früher gingen Zehntausende gegen das Projekt auf die Straße. Heute sind es Montag für Montag noch knapp 1.000, die auf dem Marktplatz gegen S21 demonstrieren. Für den offiziellen Baustart hatten die Parkschützer zur Banner-Parade im Schlossgarten aufgerufen. Die Veranstalter zählen 700 Demonstranten und 130 Banner. Die Polizei spricht später von 500 bis 600 Menschen.

Es werden immer weniger Demonstranten

700 Demonstranten an einem Morgen in den Ferien – Matthias von Herrmann, Sprecher der Parkschützer, ist "froh und fröhlich", wie er sagt. Und zufrieden. Als klar war, dass die Bahn auf einen inszenierten Baggerbiss im Schlossgarten verzichtet, hatte von Herrmann schon Sorge, dass nur 200 seiner Leute kommen würden. Nach der Volksabstimmung 2011, bei der eine Mehrheit für den Weiterbau des Projektes stimmte, hat die Zahl der Demonstranten stetig nachgelassen – bis auf einen festen Kern.

Die Grabungen im Schlossgarten mobilisieren die Bewegung jetzt wieder. Da kommen dann auch Menschen wie Barbara Grimminger, Perlenkette, schweres Parfüm, Lippenstift und akkurat geschnittener grauer Bob. Für sie sind die Arbeiten im Park "ganz emotional". Während sie das sagt, sammelt sich das Wasser in ihren Augen. Früher sei dies ein "behüteter Weg" zur Oper, zum Bahnhof gewesen. "In unserer Schicht da oben, der Hautevolee, da demonstriert man nicht, da schimpft man nur." Sie zeigt in Richtung Kesselrand, von der Stuttgarter Innenstadt hinauf auf den Hügel. Dorthin, wo die Reichen wohnen. Aber jetzt sei sie voll drin beim Demonstrieren, sagt die 72-Jährige.

Für die Gegner sind die Grabungen vorerst auch der letzte Anlass für einen größeren Protest. Große Tunnelabschnitte wurden vor wenigen Wochen schon eröffnet. Mit dem Segen von Gerlinde Kretschmann, Frau des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, und Tülay Schmid, Frau des stellvertretenden Ministerpräsidenten Nils Schmid (SPD). Stets begleitet von kleineren Protesten.

Für von Herrmann von den Parkschützern ist das Projekt trotz der bereits laufenden Arbeiten immer noch aufzuhalten. "Bisher stehen da vor allem Bauzäune, liegt ein bisschen Aushub herum." Es sei bisher nur ein Bruchteil der befürchteten zehn Milliarden Euro Baukosten ausgegeben worden. Aktuell spricht die Bahn von 5,9 Milliarden Euro Gesamtkosten. Doch nach wie vor sind zahlreiche Fragen offen.