"Wie war es doch in Cölln vordem, mit Heinzelmännchen so bequem ..." An diesen Beginn der Kindergeschichte fühlt man sich angesichts der tiefgründig veränderten außenpolitischen Lage Deutschlands erinnert, und das nicht nur, weil mit "Cölln" ursprünglich keineswegs die Stadt am Rhein mit dem ähnlich klingenden Namen gemeint war, sondern die an der Spree gelegene eine der beiden Stadthälften der später zusammengefügten Stadt Berlin.

Vordem – das war zu Zeiten des bis 1989 geteilten Landes die Ära, in der die beileibe nicht ganz souveräne Bonner Republik noch unter der kaum verborgenen Aufsicht der drei West-Alliierten stand, und selbst die Sowjetunion noch ein Restinteresse an der Viermächte-Verantwortung für "Deutschland als Ganzes" hegte. Außenpolitische Krisen jenseits des Nato-Gebietes, also out of area, gingen Bonn einfach nichts an – wie bequem! In jener Zeit war auch die Beschränkung von Rüstungslieferungen im Prinzip eine einfache Angelegenheit: am besten nur an Nato-Partner und keinesfalls in Krisengebiete. Also, so las sich das für den deutschen Michel, nirgendwohin, wo man mit den Waffen das machte, wozu man sie in der Regel kaufte – auch wenn man nicht genau fragte, wohin die Nato-Partner, die beliefert werden durften, ihrerseits sie weiterlieferten: europäische Rüstungspartnerschaft eben.

Das änderte sich alsbald nach der Wiedervereinigung und dem, wie man glaubte, endgültigen Ende des Kalten Krieges. Mit einem Mal dehnte die Nato ihr Zuständigkeitsfeld aus – oder wie Spötter lästerten: entweder out of area oder out of business. Die Deutschen waren mit dabei und vollzogen, ohne ein Jota am Grundgesetz zu ändern de facto die größtmögliche Verfassungsänderung, ohne mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit die Beschränkung der Bundeswehr auf die Verteidigung des Landes und des Bündnisses auf dem Bündnisgebiet aufzuheben. Das Bundesverfassungsgericht folgte diesem Weg mit gewundener Begründung und hielt sich mit der seither faktisch bindenden, wenn auch noch immer nicht gesetzlich genau geregelten Doktrin von der Bundeswehr als einer "Parlamentsarmee" schadlos: Kampfeinsätze müssten in jedem einzelnen Fall vom Bundestag genehmigt werden.

Und nun die jüngste Wende: Deutschland will helfen im Kampf gegen die Terroristen vom Islamischen Staat im Norden des Iraks. Nach den Waffenausfuhrrichtlinien aus der Zeit "in Cölln vordem" (nie in Krisengebiete!) eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, da es doch gerade die manifeste Krise in diesem Gebiet ist, welche die Waffenhilfe notwendig mache.

Und was wird aus Syrien?

Aber ist die Waffenhilfe nicht das kleinere – und zugleich bequemere – Übel verglichen mit einer bewaffneten Hilfe durch deutsche Soldaten? Die setzte zwar ein Uno-Mandat oder eine verabredete Beihilfe zur Selbstverteidigung eines Uno-Mitglieds voraus – und natürlich eine Zustimmung des Bundestages. Sie zöge Deutschland überdies noch viel tiefer in das Zerfallschaos des Iraks hinein – möglicherweise mit der Anschlussfrage: Und was wird aus Syrien?

Aber selbst die Waffenhilfe macht, wie immer "gut gemeint", Deutschland zu einem Akteur in einer unüberschaubaren Krise, zumal wenn man sich fragt, was wer mit diesen Waffen später einmal gegen wen anfangen könnte. Was Wunder, dass der Bundestag – Ferien hin oder her – mindestens gefragt werden will, wenngleich es hierzu – anders als bei Kampfeinsätzen – keines "konstitutiven" Beschlusses des Parlaments bedürfte. Die Abgeordneten und ihre Vorleute spüren offenbar deutlich, welche Fallstricke hier im Gelände liegen.

Welch Paradox zudem, auf den ersten Blick jedenfalls: Gerade als der Wirtschaftsminister die deutschen Waffenexporte stark einschränken will, wollen der Außenminister und die Verteidigungsministerin die Möglichkeit der Waffenweitergabe ausweiten. Nun ist der Unterschied zwischen privatwirtschaftlichen Waffengeschäften, worin die deutsche Industrie offenbar von Rekord zu Rekord schreitet, und staatlich veranlasster und verantworteter Waffenhilfe nicht zu übersehen. Doch wenn auf dem einen Feld die Beschränkung "nicht in Krisengebiete" fallen soll, wie will man sie gleichzeitig auf dem anderen Sektor enger ziehen, also sozusagen zurück nach "Cölln" reisen?