Da tritt in einem Bundesland ein Regierungschef zurück, und anstatt die Freunde im Landesverband ihre Dinge selbst regeln zu lassen, sucht die Bundespartei nach einem möglichst namhaften Ersatz von außerhalb. Ein ehemaliger Bundestagspräsident empfiehlt gönnerhaft, doch mal bitte den Blick auch "über den Tellerrand" zu werfen. Medien verspotten die lokalen Kandidaten als "Zwerge" und die ganze Landespolitik als "kleinkariert".

Arrogant und übergriffig? In Berlin ist das völlig normal. Seitdem Klaus Wowereit seinen Rückzug als Regierender Bürgermeister zum Dezember ankündigte, signalisieren Bundespolitiker und Medien der Berliner SPD: Lasst euch mal lieber helfen, allein schafft ihr das nicht.

Das liegt zum einen an der tatsächlich verworrenen Lage der Berliner Sozialdemokraten und der Sonderrolle der Stadt in Deutschland. Es ist aber auch Ausdruck eines Vereinnahmungsversuchs durch jene Bedeutsamkeits-Berliner, die die Landespolitik auf jenes Weltniveau heben wollen, auf dem sie selbst sich schon wähnen.

Die beiden Nachfolgekandidaten haben tatsächlich ihre Schwächen. Raed Saleh kann wirklich nicht besonders gut reden, und Jan Stöß redet zwar viel, sagt dabei aber nur selten Interessantes. Wenn aber Spiegel Online vom "Duell der Zwerge" schreibt und für die Frankfurter Allgemeine Zeitung Wowereit "der Riese unter den Zwergen" ist, ist das doch ein merkwürdiger Ton. Denn auch Wowereit wurde ja erst im Amt groß, so wie fast alle Politiker, vorher war auch er ein Zwerg. Erst Bezirksstadtrat (so wie Stöß), dann junger Fraktionschef (so wie Saleh). Mit ihren Überschriften werten die Kollegen also die unbekanntere zweite Reihe dafür ab, dass sie unbekannt ist. Sie geben ihnen schon mal von hoch einen mit, bevor sie überhaupt wachsen können.

Schwache Kandidaten und hämische Artikel gibt es auch in anderen Bundesländern. Nur in Berlin aber versucht der SPD-Chef Sigmar Gabriel, den Präsidenten des EU-Parlaments Martin Schulz aus Brüssel her zu locken, ihn sozusagen von oben einzupflanzen und mit ihm das überregionale Niveau gleich mit. Nur in Berlin sagt Wolfgang Thierse, herab von der angenehmen Flughöhe des ehemaligen Bundestagspräsidenten, man solle doch bitte außerhalb der Stadt suchen, da gebe es "eine Menge guter Politiker" – und sagt damit vor allem, dass das Berliner Personal schlecht ist.