Ob er denn schon Pläne habe für die Zeit danach, fragt nun ein Journalist Klaus Wowereit, der gerade seinen Rückzug zum 11. Dezember bekannt gegeben hat. Der Regierende Bürgermeister Berlins grinst sein jungenhaftes Wowi-Grinsen und sagt nur knapp: "Ja." Darin liegt die ganze verschmitzte Ausstrahlung dieses Politikers, der Freude zu haben scheint an dem, was er tut: seien es nun die Geschäfte als Regierender Bürgermeister von Berlin oder das Dasein als Privatier. Ob er die Journalisten denn an diesen Plänen teilhaben lassen wolle? "Nö", sagt Wowereit. Da lacht der Saal, noch einmal, mit ihm.

Seit Jahren schon wurde diskutiert, wann sich Deutschlands dienstältester Regierungschef zurückzieht. Es gab Gerüchte, Wowereit habe die Lust verloren, Berichte über Streitereien in seiner Partei, und etliche Artikel, die ihn aufforderten, endlich zu gehen. Nun, da es tatsächlich so weit ist, kommt es doch überraschend. Er hinterlässt eine attraktive, aber aufgewühlte Stadt voller Probleme – und eine Partei, die sich nur schwer ohne ihren langjährigen Anführer zurechtfinden wird.

Warum also jetzt? Es gibt dafür mehrere Gründe, von denen Wowereit selbst einige nennt auf der Pressekonferenz.

Da ist vor allem der Flughafen. 2006 begann der Bau des BER, dessen Genehmigung Wowereit damals die "wichtigste Entscheidung, seit ich Bürgermeister bin" nannte. Statt 2012 in Betrieb zu gehen ist der Flughafen heute eine Chaos-Baustelle. Wowereits wichtigstes Projekt ist acht Jahre später zu seiner "größten Niederlage" geworden, wie er jetzt in neuer Deutlichkeit sagte. Skurril mutet an: Einen Tag nach dem geplanten Rückzug von der Regierungsspitze will BER-Chef Mehdorn am 12. Dezember den neuen Eröffnungstermin für den Flughafen bekannt geben.

Noch deutlicher als dieses Timing sagte dann Wowereit selbst, dass er mit diesem Chaos nichts mehr zu tun haben will. Ob er denn seinen Posten aus Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft behalten werde, fragte eine Journalistin. "Dieses so hoch attraktive Amt, sollte man das noch nach Ausscheiden als regierender Bürgermeister behalten?" fragte Wowi zurück. "Ich glaube kaum." Das hoch attraktive Amt: Wowereit spottet schon beim hinausgehen über die Qualen des eigenen Jobs und darüber, was sein Nachfolger da nun auslöffeln muss. Es sind solche Szenen, in denen seine Jovialität in eine egoistische Wurschtigkeit kippt. Auch davon gab es viele in den vergangenen Jahren.

Sie lieben ihn nicht mehr

Der zweite Grund, der eng mit dem BER-Chaos zusammenhängt, ist, dass die Berliner Wowereit nicht mehr lieben. Alle paar Monate fragen die Lokalzeitungen die Wähler, was sie von ihren Politikern halten, und basteln daraus eine Treppe der Beliebtheitswerte. Vor wenigen Wochen, Anfang August, war Wowereit ganz unten angekommen und zu Berlins unbeliebtestem Politiker geworden. Schlimm war das vor allem deshalb, weil er zwischen 2001 und 2012 eigentlich immer oben gestanden hatte. Dass die Berliner ihn so viel lieber mochten als alle anderen, war auch Wowereits Versicherung gewesen gegen Putschversuche aus der eigenen Partei. Dazu sagte er auf seiner Pressekonferenz nichts, sondern befand lieber, dass seine eigene Bilanz "positiv" sei und er sein Amt "mit Leidenschaft" ausgefüllt habe. Dabei traten ihm Tränen in die Augen.

Vielleicht sind es sowieso eher die emotionalen Gesten und Worte, die von Wowereit bleiben werden, auch wenn dieser sich immer als "Kopfmensch" bezeichnet hat. Mit dem damals unerhört offensiven Satz "Ich bin schwul, und das ist auch gut so" outete er sich 2001, es war ein Befreiungsschlag. Seiner Stadt heftete er bald darauf das Emblem an, "arm, aber sexy" zu sein. Dass es dann wirklich so kam und Berlin zur vielleicht coolsten Stadt der Welt wurde, ist natürlich nicht Wowereits Werk. Aber er passte doch besser dazu als jeder andere deutsche Politiker.