Schon zu den Zeiten der Teilung, als die Züge aus Hamburg noch im Berliner Bahnhof Zoologischer Garten endeten, hat es mich Mal um Mal tief verstört, wenn man kurz vor dem Halt aus dem Zug von oben auf die Fasanenstraße und auf das Jüdische Gemeindezentrum blicken konnte. Es wurde gesichert wie eine Festung und man fragte sich, wie es sein kann, dass nach all dem Unheil, das wir mit und unter Hitler über die deutschen Juden und die Juden Europas gebracht haben, noch immer kein angstfreies jüdisches Gemeindeleben möglich ist. Als Berlin dann mit dem ganzen Land wiedervereinigt wurde, wiederholte sich dies in der Oranienburger Straße beim Centrum Judaicum: auch dort massive Sicherheitsvorkehrungen, Tag und Nacht, rund um die Uhr.

Man versuchte, sich zu beruhigen: Irre und verhetzte Gewalttäter gibt es überall, davor muss man sich schützen, auch wenn es martialisch aussieht – aber das wird doch alles nicht auf ein judenfeindliches Land hinweisen. Ganz so sicher können wir da offenbar nicht mehr sein.

Am Sonntag kamen zu einer Demonstration vor dem Brandenburger Tor zwar immerhin der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin – offenbar aber nicht so viele Bürgerinnen und Bürger, wie man sich das erhofft hatte.

Auch wenn man sich an den Kopf fasst und es einem das Herz verkrampft: Selbst im wiedervereinigten Deutschland – wiedervereinigt trotz seiner bösen Geschichte – gibt es  nicht unbeachtliche antisemitische Strömungen in diesem Land. Wahrscheinlich hat es sie auch nach 1945 immer gegeben, auch in der DDR, nur verborgener.  

Geschichtsvergessenheit? Ich fürchte, der Antisemitismus ist insofern geschichtslos, als er zum Kontinuum unserer Geschichte gehört; er ist also immun sowohl gegen aufklärerische Argumente als auch gegenüber den schrecklichen Verbrechen, die in seinem Namen begangen wurden. Was allenfalls schwankt, sind bloß die Umstände, unter denen er entweder nur verkrochen weiterlebt oder sich unverschämt ans Offene wagt.

Dieser Antisemitismus ist im doppelten Sinne global: Man findet ihn sowohl im linken wie im rechten Spektrum (und auch in bürgerlichen Kreisen, dort freilich "wohlerzogen"), man findet ihn nicht nur in Deutschland, sondern auch in der ganzen westlichen Welt, von der islamischen gar nicht erst zu reden. Joschka Fischer hat ihn bei den Grünen bekämpft, Gregor Gysi bei den postkommunistischen Linken. Es war nötig.

Zwei Faktoren sind in jüngerer Zeit hinzukommen. Hatte noch im Sechstagekrieg vom Juni 1967 eine Solidaritätswelle Israel in seinem Existenzkampf gegen die arabischen, seinerzeit unisono auf seinen Untergang trachtenden Nachbarn unterstützt, so hat sich das inzwischen sehr geändert. Leise erst: Man dürfe hierzulande die israelische Politik ja leider nicht kritisieren – was zum einen nicht stimmte, darüber hinaus aber auch das weitergehende Bedürfnis verschleierte, den "Judenstaat" (so etwas sagte man immer öfter, immer lauter) einfach um der Juden willen zu kritisieren, "die ja" – horribile dictu – "nun auch nicht besser sind als wir". Inzwischen kritisieren viele lieber die ja tatsächlich  kritikwürdige einzige Demokratie im Nahen Osten als die Terrororganisation Hamas, mit der auch Präsident Abbas seine Not hat.

Und noch eines kommt hinzu: Inzwischen gehört ja, wie weiland Bundespräsident Wulff allzu obenhin sagte, nicht nur der Islam zu uns, sondern mit ihm auch der islamistische Antisemitismus, jener islamischen Kreise, die sich nicht frei gemacht haben – weder vom islamistischen Fundamentalismus noch von seinem Antisemitismus.

Auf das perfide, zeitlose Grundrauschen haben sich also akute weitere krasse Nebengeräusche gelegt. Muss man Angst haben? Wegen der zunehmenden Überfälle und Pöbeleien sowieso. Doch die Eliten des Landes halten dicht zusammen. Die Frage ist nur, ob die verführten, verführbaren  Menschen im Land ihnen zuhören wollten. In Berlin bei der Demonstration am Brandenburger Tor konnte man daran zweifeln – sowohl am massenhaften Interesse als am Verhalten einiger Gruppen unter den Teilnehmern. Nie wieder, das ist unser offizielles Credo. Immer noch, das ist Teil unserer Wirklichkeit.