ZEIT ONLINE: Herr Ulbig, die Zahl der Asylbewerber in Deutschland steigt. Wie groß ist der Zuwachs in Sachsen?

Markus Ulbig: Im vergangenen Jahr haben wir in Sachsen 6.398 Asylsuchende aufgenommen, in diesem Jahr werden es voraussichtlich mehr als 11.000 sein. Die steigende Zahl der Asylbewerber ist eine große Herausforderung für ganz Deutschland: 2008 haben 28.018 Menschen Asyl in Deutschland gesucht, in diesem Jahr rechnen wir mit 230.000 Menschen. Das stellt die Bundesländer, die für die Erstaufnahme von Flüchtlingen verantwortlich sind, vor konkrete Probleme, aber auch die Kommunen, die Asylbewerber danach versorgen.


ZEIT ONLINE: Weil Asylbewerber in Deutschland nach Finanzkraft und Einwohnerzahl eines Bundeslandes verteilt werden, nimmt Ostdeutschland weniger Menschen auf als beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Die dortige Integrationsministerin Bilkay Öney hat das im Gespräch mit der ZEIT (Ausgabe 39) kritisiert. Im Osten sei wegen der Abwanderung viel mehr Platz für Asylbewerber, sagt sie.

Ulbig: Ich möchte Frau Öney an dieser Stelle deutlich widersprechen. Das ist ein unfairer Ansatz, die Bundesländer gegeneinander auszuspielen. Ich könnte auch nach Gelsenkirchen gucken und auf die 15.000 leerstehenden Wohnungen dort verweisen. Im bayerischen Hof wird genauso mit Abwanderung gekämpft wie in einigen Teilen Ostdeutschlands. Aber das gegenseitige Beschuldigen löst die Herausforderungen nicht, vor denen wir stehen.

ZEIT ONLINE: Ist nicht etwas dran an der Argumentation von Frau Öney? Der Königsteiner Schlüssel verteilt Asylbewerber unter anderem auf Bundesländer, in denen viele Menschen wohnen, während anderswo noch Platz ist. Ist das noch zeitgemäß?

Ulbig: Der Königsteiner Schlüssel ist ein geeigneter Maßstab. Sie dürfen nicht vergessen: In jedem Bundesland muss für eine Akzeptanz in der Bevölkerung gesorgt werden. Oft schreien die Einwohner eben nicht "Hurra", wenn in der Nachbarschaft eine Erstaufnahme für Asylbewerber geöffnet wird. Das passiert in Nordrhein-Westfalen genauso wie in Schleswig-Holstein. Es gibt Ängste und auch Vorurteile. Das ist eine Herausforderung für jede Stadt und jede Region, unabhängig davon, ob das im Norden, Westen, Süden oder Osten ist. Nicht jede leere Kaserne ist da der geeignete Unterbringungsort. In Sachsen haben wir zudem das Konzept, dass wir die Asylbewerber möglichst schnell dezentral unterbringen wollen, daher sind große leerstehende Gebäude auch keine dauerhafte Lösung.

ZEIT ONLINE: Sachsen machte vor einigen Monaten unschöne Schlagzeilen, weil es in Schneeberg zu Protesten gegen die örtliche Asylbewerberunterkunft kam. Die Sorgen der Einwohner wurden von der NPD instrumentalisiert. Welche Lehren kann man daraus ziehen?

Ulbig: Am Fall Schneeberg kann man lernen, wie wichtig es ist, die Bürger zu informieren und ihnen damit ihre Ängste und auch Vorurteile zu nehmen. Viele Schneeberger fühlten sich damals überrumpelt. Wir mussten schnell die Außenstelle des Erstaufnahmelagers Chemnitz eröffnen, da hat im Vorfeld die Information gelitten. Das haben wir nachgeholt. Heute ist die Situation vor Ort ruhig: Es gibt viele Menschen in Schneeberg, die sich für die Asylbewerber engagieren, Sportveranstaltungen mit Flüchtlingen und gemeinsame Feste. Miteinanderreden ist das A und O.