"Außenpolitik weiter denken" steht an der Wand im Forum der Körber-Stiftung im Hamburger Hafen. Angesetzt worden war diese Veranstaltung am Mittwochabend schon vor längerer Zeit, um mit Frank-Walter Steinmeier grundsätzlich über seine Politik und die auch von ihm propagierte größere Verantwortung Deutschlands in der Welt zu diskutieren. Doch die Zeiten haben sich rasant gewandelt. Es geht jetzt nicht mehr um einen abstrakten außenpolitischen Dialog mit der Bevölkerung, den sich Steinmeier im Herbst zu Beginn seiner zweiten Amtszeit gewünscht hatte. Es geht um reale Bedrohungen und reale Ängste. Der Saal ist voll.

Was er denn von dem Hin und Her zwischen dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko und seinem russischen Gegenüber Wladimir Putin um eine mögliche Waffenruhe in der Ostukraine halte, möchte der Moderater zu Beginn vom Außenminister wissen. Der wiegt den Kopf. Viel größer als die Sorge, dass diese Versprechungen wieder einmal nicht eingehalten würden, sei seine Befürchtung, "dass die Ukraine-Krise völlig außer Kontrolle gerät. Wenn jetzt kein Haltesignal kommt, dann droht das abzurutschen in eine direkte Konfrontation zwischen der Ukraine und Russland. Das könnte der point of no return sein", sagt Steinmeier. 

Da ist es für einen Moment ganz still. Die Zuhörer blicken mit dem Minister in einen Abgrund. Sie spüren, dass es keine Floskeln sind, wenn er davon spricht, wie viel auf dem Spiel steht: Menschenleben, die Einheit der Ukraine, die gesamte europäische Friedensordnung, die Gefahr, dass auf dem Kontinent ein neuer Eiserner Vorhang entsteht, "an anderer Stelle". Die internationalen Risiken, über die noch vor Monaten außenpolitische Experten in kleinen Zirkeln debattierten, sind plötzlich sehr nah. Es geht um Krieg und Frieden, auch für Deutschland.

Steinmeier lässt keinen Zweifel, dass auch er in höchstem Maße beunruhigt ist von den Nachrichten, die aus der Ukraine, dem Irak, Syrien und all den anderen Konfliktgebieten kommen. Am drängendsten ist aber für ihn wie für die Zuhörer der Ukraine-Krieg. Auf den beiden Präsidenten Poroschenko und Putin laste eine große Verantwortung, sagt er. Er sei froh, dass sie überhaupt mit einander redeten. Das sei immerhin "ein kleines Zeichen der Hoffnung". Am dringendsten sei jetzt eine Waffenruhe. Poroschenko und Putin müssten dafür "Ankerpunkte" vereinbaren. "Auf der Ebene der OSZE und der Außenminister kriegen wir das nicht geregelt." Ein  Eingeständnis, dass auch er als deutscher Chefdiplomat mit seinen Möglichkeiten ziemlich am Ende ist und dass er die Verantwortung nicht nur bei Putin sieht, sondern auch bei der Führung in Kiew.

Der Außenminister lässt am Vorabend des Nato-Gipfels ebenfalls erkennen, dass er wenig davon hält, wenn das westliche Bündnis wegen des Konflikts mit Russland nun in alte Denkschemata zurückfällt und als Abschreckung ein Manöver in der Westukraine ankündigt. Manches, was er in den vergangenen Wochen aus dem Nato-Hauptquartier gehört habe, sei "nicht immer hilfreich" gewesen, sagt er reichlich undiplomatisch. Aber die Hauptverantwortung für den Konflikt trage natürlich Putin.

"Was ist Russland für uns?", hakt der Moderator nach, "ein Partner, Gegner oder Feind?" Eine Frage, die auch viele Bürger bewegt, die das Land spaltet. Auch für Steinmeier, der als Kanzleramtschef von Gerhard Schröder und in seiner ersten Amtszeit als Außenminister noch den engen Dialog mit Putin suchte, hat sich die Welt grundlegend geändert. "Für uns bleibt Russland ein großer Nachbar, der so oder so starken Einfluss nimmt auf die Entwicklung in Europa", antwortet er ausweichend. Aber, ergänzt er, "dieser Konflikt wird Europa verändern". Vertrauen sei in hohem Maße verloren gegangen. Wie sich das Verhältnis künftig entwickele, hänge von Russland ab. "Wenn es die Ukraine nicht in Ruhe lässt, wird es kein Zurück geben."