Seit Monaten stehen sie auf den Dächern und Plätzen Berlins und schreien. Mal ist es eine Schule, mal ein Hostel, die Szenen aber sind immer gleich. Die Flüchtlinge sitzen dort tagelang, bei Sonne, Regen und Dunkelheit. Manchmal pinkeln sie runter. Oder winken. Unten, auf der Straße, stehen ihre Unterstützer. Sie singen, tanzen, spielen und streiten mit der Polizei. Reden für die Flüchtlinge mit der Presse. Hängen Transparente auf, ziehen durch die Stadt und feiern mit einem Pfarrer Abendmahl. Oder sie legen Feuer auf den S-Bahn-Gleisen, um die Pendler "aufzuwecken".

Tausendundeinen immer gleichen Akt hat das Flüchtlingsdrama in Berlin mittlerweile. Es treten auf: Die Flüchtlinge, die nichts erreichen, aber auch nichts verlieren, weil sie nichts mehr zu verlieren haben. Ihre lauten Unterstützer, die sich ihre Anliegen zu eigen machen und inszenieren. Die Politik, die nicht nachgeben will, aber auch nicht hart durchgreifen. Die Polizei, die für Ordnung sorgen muss und so zum Gegner aller wird, die die Ordnung ändern wollen.

Eigentlich ist es eine politische Standardsituation: Eine Gruppe von Menschen fordert etwas vom Staat, der will es ihnen nicht geben. Doch bei den Flüchtlingen ist alles anders. Warum eigentlich?

Alles begann im Oktober 2012, als 70 Flüchtlinge nach einem vierwöchigen Fußmarsch in Berlin ankamen. Sie hatten sich von Würzburg auf den Weg gemacht, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Ihre Situation, das ist die Situation aller Flüchtlinge in Deutschland und dem Rest Europas. Sie dürfen in der Regel nicht wohnen und nicht arbeiten, wo sie wollen, wenn sie überhaupt arbeiten dürfen. Das ist auf Dauer für sie ein sehr unangenehmer Zustand. Aber auf der Flucht in anderen Ländern unterzukommen, ist auch nicht als dauerhafter Zustand gedacht. Geht es im Herkunftsland aufwärts, dann gehen die Flüchtlinge zurück. So will es zumindest das Gesetz.

Asylbewerber – nicht Flüchtlinge

Das Gesetz will auch, dass die Berliner Flüchtlinge eigentlich gar keine richtigen Flüchtlinge sind. Sie sind Asylbewerber – und die haben aber weniger Rechte, als waschechte, anerkannte Flüchtlinge. "Echte" Flüchtlinge dürfen nach ihrer Anerkennung zum Beispiel sofort arbeiten. Asylbewerber nicht.

Die Flüchtlinge in Berlin sind aber immer noch da. Sie werden landläufig noch immer als Flüchtlinge bezeichnet. Und sie haben Zelte gebaut auf dem Oranienplatz. Das macht sie sichtbar, so ist es gewollt. Nur so nehmen andere ihren Protest wahr. Und Proteste gehören genauso zu einer Demokratie wie Gesetze. Sie braucht sie sogar. Aber wo hört Protest auf und wo fängt Erpressung an?