Es lief zuletzt gar nicht schlecht für die Grünen, könnte man denken: Parteichef Cem Özdemir sorgte für Schlagzeilen, was für die kleinste Oppositionspartei im Bundestag nicht selbstverständlich ist. Zuerst ließ Özdemir sich neben einer Hanfpflanze filmen. Der manchmal etwas bieder wirkende Realo-Politiker wollte angeblich eine versteckte Botschaft für die Liberalisierung des Cannabisanbaus senden. Das Video wurde tausendfach geklickt – bestes virales Marketing.

Zu Beginn der Woche stimmte Özdemir im Bundestag dann gegen die Linie der eigenen Partei und schaffte es damit in die Tagesschau. Während die Mehrheit der Grünen-Fraktion befürchtet, dass die Waffen für die Kurden in falsche Hände geraten könnten, habe er die Lieferung aus "Gewissensgründen" nicht ablehnen können, sagte Özdemir. Er argumentiert wie die schwarz-rote Bundesregierung: Das man eben etwas tun müsse, um den drohenden Völkermord an den Jesiden im Irak zu verhindern. Özdemir war übrigens nicht der einzige grüne Zweifler, nur der prominenteste. In einer Probeabstimmung in der Fraktion stimmten sieben der 63 Abgeordneten gegen den Antrag der Fraktionsführung, drei enthielten sich.

Auch der politische Gegner war bei diesem schwierigen Thema lange uneins. Die Medienresonanz auf den Abweichler Özdemir, darauf verweisen Strategen stolz, sei durchaus wohlwollend gewesen. Parteichefin Simone Peter lobt öffentlich die "lebendige Debattenkultur" in ihrer Partei, Özdemir betont, dass es in Konflikten wie diesen nun mal keine "absolute Wahrheit" gebe.

Hinter den Kulissen aber ist die Stimmung schlecht. Viele Grüne sind verstimmt und geben das auf Nachfrage auch freimütig zu. Von einer Profilierung Özdemirs auf Kosten anderer ist die Rede, auf der anderen Seite wiederum von mangelnder Vorbereitung des Irak-Antrags in der Fraktion. Es wird gelästert über Fehler, geklagt über mangelnde Absprachen. 

"Wir müssen uns der Realität stellen"

Für Ärger sorgte vor allem ein Interview, dass Özdemir vor zwei Wochen dem Tagesspiegel  gegeben hatte. Darin warf er führenden Grünen in der Irak-Frage indirekt Naivität vor. Özdemir bezeichnete Waffenlieferung für die Kurden als notwendig und wischte Bedenken, unter anderem von seiner ehemaligen Co-Chefin Claudia Roth mit folgenden Worten weg: "Wir müssen uns der Realität stellen." Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt warf er außerdem vor, man könne das Problem nicht lösen, indem man alle Jesiden aus dem Land ausfliege. Özdemir selbst sieht das Interview als Debattenbeitrag. Andere verstanden es so, als wolle da jemand zum Ende der parlamentarischen Sommerpause den Kurs der Grünen im Alleingang vorgeben. Angesprochen auf die Querelen sagt Parteichefin Peter: Es gebe wohl noch "Verbesserungspotenzial, wie wir zueinanderfinden".

Der Streit um den Irak-Antrag, so einzigartig das Thema auch ist, steht ein Stück weit symbolisch für zwei Probleme, die die Partei derzeit auch nach eigener Analyse hat: Mangelnde Absprachen und unkoordinierte inhaltliche Vorstöße, vielleicht sogar eine gewisse Konzeptlosigkeit.

Auch bei Grünen unwidersprochen bleibt der Eindruck, dass die Partei- und Fraktionsführung knapp ein Jahr nach ihrer Wahl noch nicht wirklich zueinandergefunden hat. Auch Fraktionschefin Göring-Eckardt hatte sich unlängst Ärger mit einem Interview eingehandelt. Sie halte das Ehegattensplitting zwar für einen "falschen Ansatz", sagte Göring-Eckardt, aber der Steuervorteil müsse doch vielleicht erst einmal beibehalten werden, weil geeignete Gegenkonzepte fehlten. Eine empörte Reaktion von Parteifreunden ließ nicht lange auf sich warten. Schließlich ist die – von manchen als zu links, von anderen als genau richtig empfundene – Steuerpolitik seit dem enttäuschenden Abschneiden bei der Bundestagswahl ein neuralgischer Punkt bei den Grünen. Parteilinke, die das Ehegattensplitting so schnell wie möglich abschaffen wollen, sagen, das Thema stünde ohnehin in einer Fraktionsarbeitsgruppe auf der Tagesordnung und die hätte die Chefin doch mal abwarten sollen. "Wieso führen wir Grüne eigentlich immer unsere Diskussionen öffentlich über die Medien?", klagte schließlich die entnervte Vorsitzende der Grünen Jugend, Theresa Kalmer.