ZEIT ONLINE: Herr Wirsching, ist es aus Sicht eines Historikers angebracht, die Gesprächsaufzeichnungen von Altkanzler Helmut Kohl noch zu seinen Lebzeiten zu veröffentlichen, auch wenn sich dieser dagegen wehrt?

Andreas Wirsching: Es ist wie so häufig in der Zeitgeschichte: Das Recht auf Information der Öffentlichkeit und das Forschungsinteresse der Wissenschaft kollidieren mit dem Rechtsgut des Persönlichkeitsschutzes. Über die offene Rechtsfrage maße ich mir kein Urteil an. Als Historiker bin ich allerdings der Meinung, dass die Veröffentlichung der Gesprächsaufzeichnungen vertretbar ist. Schließlich geht es hier offenkundig nicht um den besonders schützenswerten Intim- oder Privatbereich einer Person, sondern um deren öffentliche Tätigkeit.

ZEIT ONLINE: Das heißt?

Wirsching: Entsprechend bedeutsame Quellen, von deren Existenz man weiß, rufen aus Sicht der Historiker immer danach, zugänglich gemacht zu werden. Und es handelt sich nun einmal um wesentliche Quellen von einer und über eine herausragende Person der Zeitgeschichte. Entsprechend groß und legitim ist das öffentliche Interesse an ihnen.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig für die Geschichtsschreibung sind persönliche Memoiren, die einen offenbar unzensierten Blick auf die Ereignisse aus der Perspektive des Altkanzlers zulassen? 

Wirsching: Memoiren sind sehr häufig stilisiert. Meist folgen sie dem Bild, in dem sich der Autor oder die Autorin selbst am liebsten sieht. Anders gesagt: Memoiren spiegeln die (Selbst-)Konstruktion der eigenen Biographie wider. Das in jeder Biographie steckende Problematische, das Abgründige, auch das blanke Scheitern treten dann häufig in ihren Hintergrund. Allerdings geht es hier weniger um Memoiren als um ungefilterte Meinungsäußerungen des früheren Bundeskanzlers. Insofern kommt ihnen sicher ein höherer Quellenwert zu als den – wie wir den Ausschnitten entnehmen – teilweise absichtsvoll zurechtgerückten Erinnerungen Helmut Kohls. Andererseits betrieb Kohl Politik sehr stark im Sinne persönlicher Beziehungen und Netzwerke. Die Beziehung von Mensch zu Mensch spielte eine zentrale Rolle, und die bisher bekannt gewordenen Ausschnitte der Tonbandaufnahmen bestätigen diesen persönlich gefärbten Politikstil. Das markiert dann aber auch die Grenze ihrer Reichweite.

ZEIT ONLINE: Können solche Dokumente Historikern helfen, die Wendejahre präziser zu interpretieren?

Wirsching: Kohls Urteile über diese und jene Politiker – die keineswegs völlig neu sind –, seine persönliche Sicht auf die Dinge, tragen zur Erkenntnis der Geschichte nicht unbedingt Entscheidendes bei. Das gilt auch für den Umbruch von 1989/90, für dessen Analyse andere Quellen wichtiger sind.

ZEIT ONLINE: Altkanzler Kohl deutet den Aufzeichnungen zufolge an, dass die Wende 1989 wohl auch ohne den Druck der Straße in der DDR möglich gewesen wäre. Halten Sie es für plausibel, dass Mauerfall und Wiedervereinigung allein durch Regierungskonsultationen hätten erreicht werden können?

Wirsching: Ich halte nicht sehr viel davon, beide Perspektiven gegeneinander auszuspielen. Vielmehr bedingten sie 1989 einander und die am Werk befindlichen Kräfte griffen ineinander. Dass das SED-Regime unpopulär war, dass es die breitere Masse in der DDR ablehnte, war eigentlich schon längst vor dem September/Oktober 1989 bekannt. Aber die Aktion der Massen allein wäre – wie der 17. Juni 1953 bewiesen hatte – zum Scheitern verurteilt gewesen, wenn nicht die Herrschaft der Sowjetunion erodiert wäre. Insofern lag der Schlüssel zur deutschen Einheit schon in Moskau.

ZEIT ONLINE: Aber ohne die Aktion der Menschen in der DDR ...

Wirsching: ...wäre er schlicht am Schlüsselbrett hängengeblieben. Die Westalliierten und auch die Westdeutschen allein hätten ihn sicher nicht abgeholt. Insofern hat eben auch der Druck der Straße eine entscheidende Rolle gespielt. Sowohl die Flüchtlinge in den bundesdeutschen Botschaften und über die
ungarisch-österreichische Grenze als auch die Demonstranten in Leipzig und bald darauf in praktisch allen anderen Städten in der DDR trugen zum Todesstoß der DDR bei, ohne dass sie im engeren Sinne kausal für ihren Untergang waren.