"Scheitert Europa?" Das, so stellt Joschka Fischer gleich zu Beginn klar, sei nicht nur der Titel seines neuen Buches, möglichst reißerisch formuliert, um den Verkauf voranzutreiben. Sondern eine wahre Sorge, ein Gefühl. Der Grüne hat wirklich Angst, dass die europäische Idee gefährdet ist.

Fast zehn Jahre ist es her, dass Fischers Amtszeit als Bundesaußenminister endete. Doch sein Wort hat weiterhin Gewicht. Wenn Fischer also ein neues Buch schreibt, noch dazu zu Europa, dann gibt es Vorabdrucke, Interviews und eben eine Pressekonferenz. Dienstagvormittag in Berlin, Fischer sitzt mit vor der Brust verschränkten Armen vor den dann doch gar nicht so zahlreich erschienenen Journalisten, er schaut ernst über den Rand seiner modernen Hornbrille. Fragen zur Innenpolitik, zum Beispiel zur Performance der aktuellen Grünen-Spitze, beantwortet Fischer wortsilbig. "Kein Kommentar." Er ist, das ist die Botschaft, kein Parteipolitiker mehr.

Europa also. Fischers Diagnose der Probleme der Europäischen Union ist nicht neu: Bei der Europawahl haben europakritische Parteien Zulauf erhalten. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat einen Keil zwischen die südeuropäischen Länder und den reicheren Norden Europas getrieben. Angela Merkel als inoffizielle oberste europäische Sparkommissarin wird in den Krisen-Ländern sehr kritisch gesehen. Fischer erzählt über einen Besuch in Italien. Da sei viel über Merkel geklagt worden und das Wort "Berlusconi" kein einziges Mal gefallen. "Auf der Podiumsdiskussion ist mir der Kragen geplatzt, da musste ich sie fast verteidigen", sagt Fischer.

Ein deutsches Europa?

Dabei teilt er auch als Privatier die Merkelsche Diagnose nicht, dass Haushaltsdisziplin alle Probleme löse. "Nicht, dass ich etwas gegen Sparen hätte. Die Frage ist nur, wann und ob jeder Zeitpunkt der richtige ist." 

Besorgniserregend und ärgerlich sei die deutsche "Hochnäsigkeit" gegenüber den Ländern, die das Spardiktat kritisch sähen. "Läuft es auf ein europäisches Deutschland hinaus oder auf ein deutsches Europa", so formulierte es der Ex-Minister im Interview mit dem Spiegel. Letzteres werde dem Gedanken des europäischen Friedensprojektes nicht gerecht, es schüre Unzufriedenheit, befördere zunehmendes Denken in Nationalstaatsschablonen und treibe einen Riss in die Europäische Union. Dabei brauche es die Europäische Union als politisches Werteprojekt in einer globalisierten Welt.

Wie weiter also? Der ehemalige Vizekanzler hat zwei Ideen: Deutschland und Frankreich sollten das europäische Projekt gemeinsam zukunftsträchtig machen, endlich wieder miteinander reden, über die Zukunft der EU. "Es gibt derzeit keine Diskussion", klagt Fischer. Während die Bundesrepublik die Souveränität über das "liebe Geld" behalten wolle, fürchte Frankreich um seine politische Souveränität – auch wegen der deutschen Mahnungen, die Staatsfinanzen in den Griff zu bekommen. Die Bundesrepublik vergesse regelmäßig, dass auch sie magerere wirtschaftliche Zeiten durchschritten hat und dabei Hilfe von anderen bekam. "Die Art und Weise, wie hier in Berlin über den neuen französischen EU-Währungskommissar diskutiert wurde" habe ihn geärgert. Wurde da nicht jemandem wegen seiner nationalen Herkunft die Qualifikation abgesprochen?

"Frankreich wird seine Reformen finden", sagt Fischer – und klingt dabei gewiss. Ein bemerkenswerter Satz:  Vor mehr als zehn Jahren, als Vizekanzler, setzte er die umstrittene Agenda 2010 gegen Widerstände durch. Bisher haben die Franzosen nicht erkennen lassen, dass sie auf einem ähnlichen Weg sind.

Kein Homogenitätsdruck

Gerade wegen der innereuropäischen Krise, das ist die feste Überzeugung Fischers, müsse die politische Integration in der EU vorangetrieben werden. Dem Grünen schwebt ein Mittelweg vor: Regiert wird die EU dann von den nationalen Ministerpräsidenten, die EU-Kommission ist mehr für die Verwaltung zuständig. Zentrale Fragen wie das Budgetrecht und die Außen- und Sicherheitspolitik werden in einer "Art Zweikammer-System" beschlossen: Neben dem Europaparlament haben die nationalen Parlamente bei der EU-Gesetzgebung klare (Veto-)Rechte.

Politisches Vorbild könnte die Schweiz sein, sagt Fischer und gibt sich beeindruckt: In dem Land gebe es heute keinen "Homogenitätsdruck" zwischen italienischen, deutschen und französischen Schweizern. Als föderaler Staat habe die Schweiz ähnliche Krisen überstanden wie die EU – und sei immer noch zusammen.

Klingt gut, doch wie will man das den zunehmend europamüden Menschen vermitteln, die sich gegen jeden neuen Umbau des politischen Mammutprojektes wehren? "Dafür sind Politiker zuständig", sagt der Buchautor und guckt verschmitzt.