Auf einmal ging alles ganz schnell, zu schnell. Zwar wollte Tamer Doğan in den syrischen Bürgerkrieg im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) ziehen, aber dann fand er sich plötzlich ganz unvorbereitet in der syrisch-kurdischen Stadt Kobani (arabisch: Ain al-Arab) wieder. "Es war ein großartiges Gefühl, wie ein Rausch", sagt der 34-Jährige.

Der Jurist Doğan sitzt in seinem Büro im Istanbuler Stadtteil Kadiköy, einem linksalternativen Viertel auf der asiatischen Seite der Metropole. Der Mann mit den langen schwarzen Haaren und einem Vollbart bezeichnet sich selbst als "Marxisten". Er ist immer noch sichtlich aufgebracht, wenn er von seiner Grenzüberquerung erzählt.

"Immer nur zu twittern und Pressemitteilungen zu schreiben, reichen in der jetzigen Situation nicht mehr aus", sagt Doğan. "Ich wollte den Kurden vor Ort helfen. Denn gerade wir als Türken müssen ihnen doch beistehen." Wie er sich seine Unterstützung im Kriegsgebiet vorgestellt hat? "Ich hätte für die Menschen in Kobani kochen können, oder mich um Verletzte gekümmert", antwortet er. "Ich hätte alles getan, was sie von mir verlangt hätten." Nur zur Waffe greifen, dass käme für ihn nicht infrage. "Das kann ich nicht, das habe ich nicht gelernt."

IS wird zum Problem für Erdoğan

Seit mehr als zwei Wochen versuchen die Islamisten die kurdisch-syrische Enklave Kobani einzunehmen. Bisher konnten die PKK-nahen kurdischen Volkseinheiten YPG die Stadt verteidigen. Aber die Kurden und die von der US-Luftwaffe angeführten Angriffe auf die Dschihadisten konnten den Vormarsch des IS bisher nicht stoppen. Am Sonntag sagte Idris Nahsen, der stellvertretende Außenminister der Kurdenregion, zu Journalisten, die Terroristen seien nur noch einen Kilometer entfernt.

Während die Islamisten Meter für Meter näher heranrücken, wird der IS immer mehr zu einem innenpolitischen Problem für den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Denn türkische Kurden greifen zu Waffen, um den Kurden in Syrien zu helfen. Die Regierung in Ankara hat erst nach langem Wegschauen in der vergangenen Woche Militäreinsätzen in Syrien und im Irak zugestimmt. Noch ist allerdings unklar, ob oder wann die Regierung von dem Mandat Gebrauch machen wird.

Zweifel an Hilfsbereitschaft der Regierung

Der Regierungskritiker Doğan fuhr mit Freunden vor zehn Tagen nach Suruç in der türkischen Südostprovinz Şanliurfa, direkt gegenüber von Kobani. In der Grenzstadt trafen sie dann auf etwa weitere 3.000 Aktivisten, die aus dem ganzen Land angereist waren. Sie alle wollten nach Syrien, denn keiner von ihnen glaubt daran, dass die konservative AKP-Regierung den von den Dschihadisten eingekesselten Kurden helfen will.

Als Ministerpräsident war Erdoğan der erste Regierungschef, der die Lösung des seit 30 Jahren andauernden gewaltsamen Konflikts mit den kurdischen Rebellen anging, doch die seit 2012 laufenden Friedensgespräche sind jetzt so brüchig wie nie zuvor. Schon Ende vergangenen Jahres warnte die PKK – die in der EU und den USA als Terrorgruppe eingestuft wird – vor dem Scheitern des Friedensprozesses. Sie forderten Ankara zur raschen Umsetzung verabredeter Reformen auf. Jetzt sagte Erdogan, für ihn bestehe kein Unterschied zwischen der PKK und dem IS – beides sei das gleiche.