Lamya Kaddor hat mehr recht, als einem lieb sein kann. Es ist kein Vergnügen, heute in Deutschland Muslimin zu sein wie sie. Muslime sollen sich distanzieren. Von Enthauptungen im Irak, von Massenerschießungen in Syrien, von Ehrenmorden in Berlin, von Gewalt in Kairo. Lamya Kaddor sieht den Islam unter Anklage. Und die Ankläger betreiben nach ihrer Ansicht das Geschäft der Radikalisierung des Islam. Das ist zu einfach gedacht. Aber es beleuchtet ein Problem.

Gegen Muslime in Deutschland sind geistige Brandstifter unterwegs, schrieb Lamya Kaddor in der Süddeutschen Zeitung. Lamya Kaddor ist muslimisch, weiblich, jung, Islamwissenschaftlerin, Koranübersetzerin und Hauptschullehrerin. Sie hat den Liberal-Islamischen Bund gegründet, eine moderne Vereinigung, die sich als Gegengewicht gegen die meist konservativen islamischen Verbände etabliert. Die Tochter syrischer Einwanderer trägt kein Kopftuch. Denn sie meint, dass heute Recht und Gesetz den Schutz spenden, den die Verhüllung zu Beduinenzeiten in der Wüste geben sollte.

Liberale Muslime werden angefeindet. Von Salafisten und Dschihadisten. Von Muslimen, die ihnen Textilien und Texte vorwerfen, weil sie sich um ein historisch-kritisches Verständnis des Korans bemühen, um ihren Glauben in ein lebendiges Verhältnis zur heutigen Kultur zu bringen. Wo sie auf Podien diskutieren, treten Leute ans Mikrofon, die nicht mitdiskutieren wollen, sondern Angst, Hass und Abneigung bekunden. Die sagen, demnächst werde in Köln ja doch die Scharia gelten. Die ihnen ins Gesicht schleudern, "wir Deutsche" hätten die Schnauze voll vom Islam.

Als Urheber oder Brandbeschleuniger sieht Lamya Kaddor manche Medien. Sie greift das Magazin Focus an. Das brachte eine Titelgeschichte über die "dunklen Seiten des Islam". "Der Islam unterdrückt die Frauen", stand da, "dieser Punkt bedarf keiner ausführlichen Begründung." Die Bebilderung griff in die Klischeekiste: langbärtige Männer, vollverschleierte Frauen mit Sehschlitz. Die Kollegen versprachen "unbequeme Wahrheiten".

Nun hat der Islam tatsächlich dunkle Seiten. Daraus beziehen Gruppen wie der Liberal-Islamische Bund ihre Daseinsberechtigung. Sein Licht scheint in der Finsternis besonders hell. Doch im Fokus mancher Medien steht oft genug nicht bloß eine dunkle Seite. In der Berichterstattung wird mitunter der gesamte Islam zur Dunkelzone.

Man muss erst einmal zugestehen, dass da tatsächlich ein Problem liegt. Auch die Medien haben dunkle Seiten. Zum Beispiel, dass in Zeitungen, Radio und Fernsehen der Hang zur griffigen These zunimmt, zur Pointierung und zur Polarisierung, zur starken Meinung und zum Hammerwort. Das schmerzt, aber es schafft auch Klarheit.

Vor Jahren, als die Verleger mehr Geld verdienen wollten und wir Journalisten auch, zog die Boulevardisierung in die Redaktionen ein. Jetzt dient die Vereinfachung als Medizin gegen Verluste. Denn die meisten Grafiken, die die Auflagenentwicklung der gedruckten Medien zeigen, stellen schiefe Ebenen dar mit der Talseite in der Gegenwart. Focus verlor in den letzten 15 Jahren mehr als ein Drittel seiner Auflage. Die Tageszeitungsauflagen sanken in dieser Zeit von 24 auf 17 Millionen Exemplare. Auch die Süddeutsche Zeitung, in der Lamya Kaddor schrieb, verliert von Jahr zu Jahr Leser. Die Verkäufe lahmen, die Werbeeinnahmen schwinden. Hörfunk- und Fernsehsender kämpfen um Quoten, hart, aber angeblich fair. Tatsächlich werden Talkshowplätze oft nach Rollenfach verteilt. Und wir Journalisten haben Angst. 5.000 von uns sind bereits arbeitslos. Jedes Jahr werden es mehr. Das Netz drückt auf die Auflage und auf die Qualität.

Wer gehört, gesehen und gelesen werden will, muss sich abheben. Er muss besonders frech sein, besonders klug oder besonders eingängig. Vor allem das Netz funktioniert als Teilchenbeschleuniger für radikale Meinungen. Dort kann man ungefiltert lesen. Unsere Aufgabe, die der Journalisten, besteht darin, durchzusehen, zu bewerten und Zusammenhänge zu zeigen. Das Netz, das auch uns informiert, verschärft mit seinen ungefiltert lesbaren Nachrichten unsere Arbeitsbedingungen. Wir Journalisten bekommen Druck und geben ihn weiter. Er trifft patzende Präsidenten, protzende Bischöfe und prunkende Unternehmer – härter als früher und oft genug moralisch übersäuert. Aber meistens zu Recht. Ohne die Hartnäckigkeit der Medien wäre die Maßlosigkeit des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst kaum ans Licht gekommen.

Zu den erfolgreichsten Medienschaffenden gehören islamistische Kämpfer. Sie filmen für das globale Publikum, wie sie nach endlosen Koranrezitationen ihren Opfern die Köpfe abschneiden und der westlichen Welt viehische Grausamkeiten androhen. Sie haben begriffen, dass Nachrichten kein Kulturgut mehr sind, sondern eine Handelsware, die man konfektionieren und mit der man Diskursmarktmacht aufbauen kann. Sie beeinflussen die Debatten in Redaktionen: Sollen wir Hinrichtungsvideos zeigen, Mordopfer, Täter? Brennende Moscheen in Deutschland werden dadurch uninteressanter. Die Islamisten vergiften selbst noch Lesungen in Kleinstadtbuchhandlungen. Dort wird die liberale, weltoffene, ostwestfälische Lamya Kaddor für die Untaten von Radikalen in Haft genommen. So stimmt der Zusammenhang, aber viel weniger so, wie Lamya Kaddor meint: dass die Islamkritik in den Medien die Sympathie für Radikale stärkt.

Denn Medien sind nicht die Ursache, sondern ein Teil der härter aufeinanderprallenden Kulturen. Sie sind weniger Brandstifter, sondern eher die Sprinkleranlage. Ist sie übereifrig eingestellt, zerstört sie durch Nässe, was der Brand noch übrig ließ. Tatsächlich kriselt die Stimmung gegenüber Teilen des Islam nicht erst in den Medien, sondern in der Gesellschaft.

Lamya Kaddor möchte islamkritische Stimmen wie die der Tscherkessin Necla Kelek und des Fäkalsprachenautors Akif Pirinçci zurückdrängen, weil sie als Autoren mit Migrationshintergrund besonders glaubwürdig wirken. In solchen Forderungen spiegelt sich die Schwäche vieler diskursungewohnter islamischer Verbände. Doch nach Schutzzäunen und Tabuzonen rufen vor allem autoritär geführte Gruppen, Kirchen und Religionsverbände. Auch Aygül Özkan, die Integrationsministerin Niedersachsens, wollte die Medien vor vier Jahren auf eine "kultursensible Sprache" verpflichten und auf eine Unterstützung von Integration. Das war nichts weiter als Zensur und wurde umgehend zurückgewiesen. Auch wenn es schmerzhaft ist: Nur offene Diskussionen machen Muslimen in Deutschland das Leben leichter.